THEATER: Mit der Groteske direkt ins Politische

Sabine Harbeke inszeniert in der St.Galler Lokremise das burleske, tragikomische Drama «Hungaricum». Die Zürcher Regisseurin arbeitet seit vielen Jahren als Autorin und macht mit Recherchen in politischen Konfliktzonen von sich reden.

Hansruedi Kugler
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Sabine Harbeke vor dem «Hungaricum»-Bühnenbild, einer Tankstelle und einer Drehbühne an der ungarischen Grenze. (Bild: Ralph Ribi)

Sabine Harbeke vor dem «Hungaricum»-Bühnenbild, einer Tankstelle und einer Drehbühne an der ungarischen Grenze. (Bild: Ralph Ribi)

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler

@tagblatt.ch

Der Probenbesuch in der Lokremise zeigt schnell: Dieser Theaterabend mit dem sperrigen Titel «Hungaricum» wird lustig, schrill, grotesk, verzweifelt, tragisch – und alles mitten im politischen Heute. Also genau so, wie es Regisseurin Sabine Harbeke am liebsten mag. Nämlich mit einer klaren politischen Haltung und präzis recherchierten zeitgenössischen Konflikten – aber serviert mit allen Theaterzutaten.

Das Stück der russischen ­Brüder Presnjakow spielt an der ungarischen Grenze und lässt das Gutmenschen-Europa auf das Abschottungs-Europa prallen. Mit Figuren, die sich rührend bis peinlich durchs Leben wursteln. «Ich rüttle die Zuschauer gerne auf. Und mit dem gelegentlich rabenschwarzen Humor hole ich das Publikum ab», sagt die Regisseurin. Reines Doku-Theater macht sie nicht. Wenn schon Doku, würde sie einen Film drehen, sagt Harbeke. Dazu möge sie die Kraft der Fiktion und die Möglichkeiten der Theatermaschinerie zu sehr. Auf «Hungaricum» angewendet heisst das: «Mit der Groteske überhöhe ich die triste Realität spielerisch und verführe das Publikum, um es dann ein paar Mal unsanft durchzuschütteln. Theater ist wunderbar, es kann gleichzeitig unterhalten, befragen, anstiften, trösten.»

Eine Sportlehrerin wird in New York zur Regisseurin

In St.Gallen inszeniert Sabine Harbeke zum ersten Mal. Man kennt sie dennoch – dank einem Text, den sie für den letztjährigen Fünfteiler «Das Schweigen der Schweiz» für das Theater St.Gallen geschrieben hat: «kalter hund». Sie blickte darin in eine Wohngemeinschaft, die einen moralischen und direktdemokratischen Eiertanz hinlegt bei der Frage, ob man einen Flüchtling in der Wohnung aufnehmen solle. Das war entlarvend amüsant und böse zugleich. Die Kostprobe brachte sogar die NZZ ins Schwärmen. Die Kritikerin schrieb, Harbeke habe «im kleinen Finger mehr Esprit, Erfahrung und Ambition als die männlichen Schweiz-Texte». Das Lob freut die Regisseurin, ist ihr aber wegen des Vergleichs unangenehm.

Seit acht Jahren leitet Sabine Harbeke in einem 60-Prozent-Pensum als Dozentin für Theaterregie an der Zürcher Hochschule der Künste den Bachelor-Lehrgang, den sie selbst aufgebaut hat. Die ausgebildete Sportlehrerin studierte zunächst Visuelle Kommunikation in Luzern und lebte von 1996 bis 2002 in New York, wo sie an der School of Visual Arts Filmregie studierte. Für ihren ersten Film recherchierte sie am New Yorker Fulton-Fischmarkt, untersuchte den dortigen sozialen Mikrokosmos, wo eine meist italienischstämmige Arbeiterschaft auf globalisierte Unternehmer prallt, und setzte ihre Recherchen in ein fiktives Szenario um. Dieser Arbeitsweise als Autorenfilmerin blieb sie seither auch in ihrem Theaterschaffen treu: «Für mich war immer klar, dass ich selbst Stücke schreibe und diese auch inszeniere. Meine Stücke sind Versuchsanordnungen, Schreiben und ­Inszenieren sind dabei verschiedene Aggregatszustände eines Narrativs», sagt sie. Unterdessen sind es 16 Stücke geworden, die sie in Hamburg, Bochum, Kiel, Bonn, Basel und Zürich inszeniert hat. In Bonn hat sie aus der lokalen Wirtschaftssituation und vielen Gesprächen mit deutschen Frauen, die zum Islam konvertiert sind, eine Milieustudie geschrieben; in Polen hat sie für ihre «Medea»-Inszenierung intensiv die dortige Tagespolitik mit deren Abgeschottetheit diskutiert; in ihrem düsteren Stück «nahkampf» will eine Familie in ihr vom Bürgerkrieg zerstörtes Land zurückreisen und bleibt an der Grenze hängen.

Dem Gutmenschen-Europa in die Suppe gespuckt

Bei «Hungaricum» darf man sich nun auf einen frechen, bildstarken Theaterabend freuen. Zusammen mit Dramaturg Armin Breidenbach hat Sabine Harbeke einige Szenen aktualisiert und hinzu geschrieben. Da gibt es etwa ein schrilles Wettsingen wie beim European Song Contest mit Publikumsvoting. Es werden aber auch schroffe Wahrheiten serviert. Denn die Situation an der ungarischen Grenze hat sich seit 2010, als das Stück geschrieben worden ist, vor allem wegen der Flüchtlingskrise stark verändert. In die europäische Gutmenschen-Suppe, um die sich das Stück dreht, wird hier wörtlich und im übertragenen Sinn hineingespuckt. Sabine Harbeke sagt denn auch: «Mich interessiert, das Publikum zu überraschen und durch die Enthüllung das Zeitgenössische zu diskutieren.»

Premiere: Do, 23.11., 20 Uhr, Lokremise St. Gallen