Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

THEATER: Me too und Machiavelli

«Mass für Mass» am Schauspielhaus Zürich tänzelt und tändelt auf dem Grat von derber Komödie und Reflexion über Macht und Korruption: erschreckend aktuell.
Tobias Gerosa
Lena Schwarz (Isabella), Robert Rozic (Lucio). (Bild: Toni Suter)

Lena Schwarz (Isabella), Robert Rozic (Lucio). (Bild: Toni Suter)

«Gouvernement? Wie soll das gehen: Führen, herrschen, re-GIER-en?» Ist das noch Shakespeare oder Machiavelli, was der komische Typ mit seinem Bühnenmodell da erzählt? Eben kam er bei vollem Licht durch den Zuschauerraum im Pfauen: Ein alter Mann mit langen weissen Fadenhaaren in Rock und Pelzkragen. Bläst er Rauch in sein Modell, zieht der im Vogelsicht-Video auch über die Bühne. Wie Käfer klettern da die Figuren herum: die Versuchskaninchen des Alten, der sich als Herzog Vincentio herausstellt und nun frei zwischen Bühne und Parkett wechselt?

Sozialexperiment: Was ist eigentlich Macht?

Jedenfalls bringt er die Handlung mit seinem Machtverzicht in Gang und hat offenbar auch seinen Spielleiter darin platziert. Das wird sich am Schluss zeigen. Doch erst überträgt er seine Macht dem puritanischen Angelo. Geht es dabei wirklich darum, die offenbar allzu gelockerten Sitten wieder einzurenken – oder eben doch um ein Sozialexperiment, was diese Macht denn nun eigentlich ist? Hans Kremers immer etwas süffisant ironischer, überlegener Herzog deutet darauf hin.

Regisseur Jan Bosse befragt jetzt am Schauspielhaus wieder einen Klassiker neu – zum Glück. Für Shakespeares durchaus düstere und keineswegs nur lustige Komödie «Mass für Mass» haben er, seine Dramaturgin und das Ensemble eine eigene Fassung erarbeitet. Sie ändert Anfang und Schluss, gibt dem Stück also einen etwas andern Rahmen, und sie fügt Texte aus Machiavellis berühmter Machtanleitung ein: Das fokussiert auf die grossen Themen von Macht, Machtmissbrauch und seelischen Abgründen, die durch sie aufbrechen. Denn natürlich zieht Angelo erst seine Law-and-Order-Politik durch, bis auch er gegenüber der schönen Isabella seine Macht ausnutzen will: re-Gier-en eben. Das bricht ganz verklemmt aus Daniel Strässers strengem Schulmädchen heraus, denn Kathrin Path hat alle Figuren in Frauenoutfits gesteckt.

Hochgeschlossenes Blüschen für Angelo, edles Schwarzes für den Herzog, Hippiefummel und Jeansrock für die Komödienfiguren. Und über allen: Eine strahlend unschuldig-weisse Nonnenrüstung für Isabella (im Umgang mit dem Text unverkennbare, in ihrer Kälte überraschende Lena Schwarz), die sich lange vor der Me-too-Debatte gegen Erpressung wehren musste.

Doch um diese ersten Themen hat Shakespeare eine Halbweltgalerie gesetzt: Huren, Zuhälter, Opportunisten und einen Kerkermeister, deren derbe Wortspiele und Geblödel hier mit Lust und Spass aktualisiert werden – vor allem Robert Rozic mit seinem Understatement und Klaus Brömmelmeier glänzend. Bosse versteht, den Rhythmus immer im genau richtigen Moment zu wechseln, und lässt die zwei pausenlosen Stunden so auf dem Grat zwischen Komödie und Tragödie balancieren. Wie aktuell die Fragen sind, drängt sich ganz unaufdringlich durch die Komödienmechanik.

Tobias Gerosa

Hinweis

bis 13.6., Schauspielhaus Zürich

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.