THEATER: Marathon für Stücke von heute

Fünf Werkstattinszenierungen in gut sechs Stunden. Sie zeigen, wie verschieden zeitgenössische Dramen sein können. Am Samstag werden sie in der Lokremise St. Gallen zur Diskussion gestellt.

Tobias Gerosa
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Tobias Gerosa

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

Theateraufführungen während Fussball-Länderspielen haben es immer ein bisschen schwierig. Vergangenen Samstag, bei der ersten Abschlusspräsentation des Dramenprozessors 2016/17 in Zürich, stand in der grossen Pause nicht nur eine wärmende Feuerschale im Innenhof. Sondern kunstvoll in ein Fahrradkörbchen montiert auch ein Beamer für Schweiz – Litauen, vor dem sich rasch Theaterleute mit ihren Suppenschalen versammelten.

Der Konzentration tat das keine Abbruch, die einige der Schauspielerinnen und Schauspieler brauchten, die in mehreren der Stücke spielten. Die Hälfte von ihnen kommt aus der freien Szene, die andere aus dem St. Galler Ensemble, man probte die Stücke auch hier. Während es den Dramenprozessor seit 2001 gibt, kommt er dank der Zusammenarbeit mit dem neuen Schauspielleiter Jonas Knecht nun erstmals auch nach St. Gallen.

Für die drei Autorinnen und zwei Autoren sind die beiden Aufführungen in Zürich und St. Gallen das Ende eines Arbeitsprozesses und ein Experimentierfeld: Sie hatten sich mit einer Idee, einem Stoff beworben und wurden ein Jahr lang betreut und unterstützt von Praktikern verschiedener Theater und Hochschulen. Dort konnten sie ihre Texte, vielleicht zum ersten Mal überhaupt, spielen lassen – und dann noch dran feilen.

Kann man lernen, Stücke zu schreiben?

Die Förderung will also praktisch sein. Dass sie unterschiedliche Handschriften unterstützt, zeigen die zwar als «szenische Lesungen» angekündigten, aber ­ihrerseits unterschiedlich ausgefallenen, je zwischen einer Dreiviertel- und einer ganzen Stunde dauernden Werkstatt-Inszenierungen.

Regiestudentin Johanna Zielinski nimmt die Bezeichnung des Programmblattes noch genau, wenn sie ihre drei Darsteller unbeweglich an Bistrotischchen setzt. Autorin Esther Becker lässt die Titelheldin in «Mimosa» abstürzen und zwischen dem immergleichen Taxifahrer und der in verschiedenen Frauen reinkarierten Mutter herumtaumeln, bis sie «keine halben Sachen mehr» macht – aber auch keine Szene und Aktion verlangt, sondern als lakonisches Hörspiel durchaus funktioniert. Da drängt das von Jonas Knecht kraftvoll und toll rhythmisiert inszenierte «Adler und Huhn» von Katharina Cromme schon viel mehr auf eine Bühne. Witzig und engagiert überlagern sich hier historisches Drama und aktuelle Übertragung. Der zweite Akt wirkt zwar wie erst skizziert, aber wenn der dritte dann noch auf die metaphysische Ebene springt, ist man definitiv gespannt, wie das ganz und fertig wirken würde.

Das Halbszenische vergessen machen

Liegt es am dramaturgischen Aufbau des Abends, dass es das dritte Stück unmittelbar vor der grossen Pause (nach jedem eine Viertelstunde und nach dreien die Suppen-Stunde) schwer hatte? Oder doch an Michel Kesslers (geboren 1992 und der jüngste der Autoren) Text, der auch auf eigentliche Handlung verzichtet? «Blumen» oszilliert zwischen lyrischen Bildern und einer düstern, testosterongeschwängerten Science-Fiction-Erzählung mit antiken Anspielungen.

Konventioneller ist Matthias Bergers Demenz-Stück «Heimgang», aber er versteht eine Dreieckshandlung zwischen Grossvater, Enkelin und Pfleger aufzubauen, die den Darstellern (u. a. Matthias Albold) auch genügend Leerstellen lässt. Mit Sabine Harbeke, die die Textblätter geschickt integriert und so das «Halb-Szenische» am weitestgehenden vergessen macht, hat dieses Stück genauso die richtige Regisseurin wie Julia Haemmis «Frau im Wald» mit Patric Bachmann vom koproduzierenden Theater Marie Aarau. Der schickt einen furiosen Frauenchor (mit Jessica Cuna und Anna Blumer) lesend und Blätter schmeissend auf eine seltsam verwirrende ­Reise – deren Idee für die letzten 45 Minute gerade ausreicht.

Für St. Gallen sind fünf neue Stücke an einem Abend ja nichts Neues. Die Dramenprozessor-Abschlusspräsentation zeigt anders als «Das Schweigen der Schweiz» ganz unabhängige Teile. Fussball lenkt nächsten Samstag vielleicht weniger ab. Und hoffentlich gibt’s auch Suppe und Würstchen für alle, die diese anregende Erprobungsreise mitmachen.