THEATER: Lockere Unterhaltung

Im Zürcher Schiffbau wird in «In Formation» über die Medienkrise diskutiert, und das wird dann Theater genannt. Ein Abend, der sich einer Kritik weitgehend entzieht.

Valeria Heintges
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Inszenierte Diskussion mit Symbolik im Stück «In Formation» im Zürcher Schiffbau. (Bild: Matthias Horn/PD)

Inszenierte Diskussion mit Symbolik im Stück «In Formation» im Zürcher Schiffbau. (Bild: Matthias Horn/PD)

Valeria Heintges

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@tagblatt.ch

Wie bespricht man ein Theaterstück, das keines ist, sondern eine inszenierte Diskussion? Schreibt man, wie glaubhaft die Schauspieler die Position der Streitenden eingenommen haben? (Sehr glaubhaft.) Oder ob die Diskussion das Thema umfassend und tiefgreifend von allen Seiten beleuchtet hat? (Umfassend, aber nicht tiefgreifend.)

Zusätzlich erschwert eine Kritik der Uraufführung von «In Formation» am Samstagabend im Zürcher Schiffbau, dass die Frage behandelt wurde, was die Umwälzung der Medienlandschaft für die Gesellschaft bedeutet. Ein Thema, das die Kritiker, selbst Journalisten, natürlich schon in- und auswendig kennen. Nur lässt der Untergang ihres Berufs nicht nur ein paar schöne, aber stressige Jobs verschwinden, sondern auch die ganze sogenannte vierte Gewalt. Und das treibt auch branchenferne Menschen um.

Zudem lebt «In Formation» von der Diskussion mit dem Publikum und den an jedem Abend geladenen Medienvertretern – am Samstag AZ-Verleger Peter Wanner und WOZ-Redakteur Stefan Keller. Aber das Premierenpublikum bestand selbst aus den üblichen Verdächtigen aus Kunst, Kultur und Medien. Zwei Zuschauer hatten keine Zeitung abonniert. Das ist, illusionslos gesagt, nicht repräsentativ. Und kann mit einem anderen Publikum zu völlig anderen Diskussionen führen.

Schauspieler als Variétékünstler

Wie und was soll man da kritisieren? Versuchen wir es mit der Kritik des Theatertextes von Guy Krneta, der jeden Abend gleich ist, und der mit der Aufzeichnung eines Gesprächs angereichert wird, in dem der Soziologe Dirk Baecker, die Anglistin Elisabeth Bronfen, die Medienwissenschafterin Miriam Meckel und der Journalist Constantin Seibt über Medien diskutieren. Die Zuschauer sitzen in einer Diskussionsarena, Ähnlichkeiten mit gleichlautenden Sendungen von Bühnenbildnerin Muriel Gerstner beabsichtigt. Sie folgen einer Nummernrevue und sehen Schauspieler als Variétékünstler; Klaus Brömmelmeier singt im goldenen Ganzkörperanzug «I Did It My Way», Nicolas Rosat trägt einen Federkranz.

Atemlos und hektisch wird das Thema abgehandelt. Die nostalgische Erinnerung, die Frage nach vertrauenswürdigen Quellen, der von Informationen überflutete User und die vom Zeitungsstapel erschlagene Leserin. Neue Formen, die Werbung mit Berichterstattung vermischen, Social Media, Fake News. Die Suche nach der Macht und nach neuen Geldquellen, die beide nicht gefunden wurden. Dazwischen die Vorgänge um die «Basler Zeitung», wie sie die von Guy Krneta verantwortete Gruppe «Rettet Basel» bereits mit Edgar Hagen im Film «Die Übernahme» beschreibt.

Die Schauspieler mühen sich redlich, klettern wie Henrike Johanna Jörissen in Facebook-Daumen, schlittern wie Laurin Buser über die Bühne oder stürzen sich wie Rahel Hubacher und Nicolas Rosat mit Todesverachtung in halsbrecherische Monologkaskaden. Aber am Ende bleibt das Gefühl, dass Regisseur Sebastian Nübling die auf Witz getrimmte Szene mehr interessierte als die ernsthafte Auseinandersetzung. Lockere Unterhaltung statt Reflexion – eine Haltung, die im Untergang der Medien eine grosse Rolle spielt.