Theater Konstanz zeigt Stück über die Rüstungsindustrie am Bodensee

Über die Rüstungsindustrie am Bodensee wird gern geschwiegen. Nicht am Theater Konstanz: Es zeigt das Auftragsstück «Am Wasser» zum Thema.

Bettina Kugler
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Szene aus «Am Wasser» am Theater Konstanz.

Szene aus «Am Wasser» am Theater Konstanz.

Bild: Ilja Mess

Nur fünf Minuten dauerte es, dann hatte Annalena Küspert auf einen unverbindlichen Stückvorschlag per Mail an den Intendanten des Theaters Konstanz schon eine Antwort: Ja, da sei man interessiert. Allein das Thema Rüstungsindustrie am Bodensee machte Christoph Nix neugierig. Es passt bestens zu einem politisch wachen, regional verankerten Theater, wie es der streitlustige Schauspielchef seit Jahren pflegt.

Ein Jugendstück sollte es werden, soviel war der Autorin klar. Weil Jugendliche noch frei sind im Denken und in ihren Entscheidungen. Weil ihre Fragen etwas bewegen können: in Diskussionen am Küchentisch und im Bewusstsein der Älteren. «Man weiss es, redet aber nicht darüber», sagt Annalena Küspert: Darüber, dass die Region zwar Ferienidyll und Einkaufsparadies ist, aber auch «das grösste Rüstungscluster im deutschsprachigen Raum».

Theaterautorin Annalena Küspert.

Theaterautorin Annalena Küspert. 

Bild: PD/Julian Peter

Aufgewachsen ist die 34-jährige Autorin in Überlingen. Der grösste Arbeitgeber dort, Diehl Defence, entwickelt unter anderem Lenkflugkörper. Kriegstechnologie, die zu Verteidigungszwecken dienen soll, zu «Aufklärung und Schutz»: Das sind die Argumente, die gern zur Selbstverteidigung ins Feld geführt werden.

Kein simples Gut-Böse-Schema

Annalena Küspert ist ihnen im Zuge ihrer Recherchen für das Stück «Am Wasser» immer wieder begegnet. Interessiert hat sie vor allem die Frage, warum so beharrlich verdrängt wird, dass der Wohlstand der Region stark an die Rüstungsindustrie gekoppelt ist – nicht nur in Überlingen. «Ich wollte keine einfachen Wahrheiten erzählen, keine Schwarzweiss-Optik, sondern Menschen in ihrer Widersprüchlichkeit zeigen.»

Ein Schuldbewusstsein sei durchaus vorhanden, sagt die Autorin, und sie empfand es auch beim Schreiben des Stücks, für das sie so spontan einen Auftrag des Theaters Konstanz erhalten hatte. «Es entsteht eine Dissonanz, wenn man damit beginnt, das eigene Nest zu beschmutzen.» Es setzt aber auch kreative Energien frei. «Die Stimmung an den Proben war extrem gut,» sagt Regisseur Nicola Bremer. «Wir alle haben gemerkt, dass es hier um etwas geht, dass wir nicht nur spielen, sondern etwas in Bewegung bringen wollen.»

Der See verfärbt sich schwarz

Das Stück «Am Wasser» verbindet das regionale Thema mit einem aktuellen: der Wirkungsmacht sozialer Medien. Ausgangspunkt ist ein böses Omen; der See verfärbt sich schwarz. Die Bürgermeisterin will das Tourismusimage nicht beschädigen; das Mädchen Saliha kommt auf die Idee, schwarzes Wasser als Beautyprodukt im Internet zu vermarkten. Der Vater ihres Freundes, beschäftigt in der Rüstungsbranche, verhält sich verdächtig. Im Mittelpunkt steht die Frage nach den Möglichkeiten jedes einzelnen, kritisch nachzufragen und Veränderungen zu fordern.

Nachgefragt haben auch Jugendliche des Jungen Theaters: Sie sprachen Passanten auf der Strasse an und wollten wissen, wie sie zu Waffen und der Rüstungsproduktion stehen. Ein Teil des mit versteckter Kamera gefilmten und nachträglich autorisierten Materials ist in die Inszenierung eingegangen.

Uraufführung Samstag 14.12., 20 Uhr, Spiegelhalle Konstanz