THEATER KONSTANZ: «Wir sind eingeholt worden von den Religionen»

Von «Nathan der Weise» über «Der Meister und Margarita» bis zu «Die Jungfrau von Orleans»: Viele Stücke der kommenden Konstanzer Theatersaison handeln von der Religion und ihrem Missbrauch.

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Das Stadttheater – neben der Spiegelhalle und der Werkstatt die Hauptspielstätte des Theaters Konstanz. (Bild: PD)

Das Stadttheater – neben der Spiegelhalle und der Werkstatt die Hauptspielstätte des Theaters Konstanz. (Bild: PD)

Intendant Christoph Nix und die Seinen sind müde, aber guter Dinge. Sie haben sich gerade in Meersburg mit dem Ensemble des Theaters Konstanz ausgesprochen und sich überlegt, wie es wäre, das Theater wieder einmal neu zu erfinden. Jetzt haben sie sich im Pulverturm, einem romantischen, nur über steile Treppen zu erklimmendem Gemäuer am Konstanzer Seerhein, eingefunden, um die kommende Saison vorzustellen. Um dessen grosses Thema – die Religion – zu illustrieren, zitiert Nix zunächst den Fernsehmoderator Robert Lemke: «Wenn ein Flugzeug in Turbulenzen gerät, gibt es keine Atheisten mehr.» Im Vorwort zur Spielzeit-Präsentation spannt er dann den Bogen ins Politische: «Für die meisten ist die Frage nach der Religion eine Privatangelegenheit geworden, die aber dann aufhört privat zu sein, wenn andere im Namen Gottes töten und die Wahrheit für sich beanspruchen.» Oder, mit den Worten des Schauspieldirektors Mark Zurmühle: «Wir sind eingeholt worden von den Religionen.»

Welche Facetten des Religiös-Politischen arbeitet der Spielplan der Saison 2017/2018 heraus? Da ist etwa «Der Meister und Margarita» nach Michail Bulgakow, in dem der Teufel die Moskauer das Fürchten lehrt. Da ist «Adams Äpfel» von Anders Thomas Jensen, von einem religiösen Resozialisierungslager handelnd.

Ein Imam wird zum Spekulanten

«Judas» von Lot Vekemans macht die Schattenfigur des Christentums zum Thema, «Nathan der Weise» von Gotthold Ephraim Lessing die Feindschaft der Religionen – und ihre Versöhnung. «Die unsichtbare Hand» von Ayad Akhtar lässt einen Imam zum Spekulanten werden, während die Hauptperson von «Ich rufe meine Brüder» von Jonas Hassen Khemiri an seiner eigenen Unschuld zu zweifeln beginnt, nachdem eine Autobombe explodiert ist.

Doch bei allem Ernst, der solcher Programmierung innewohnt: Es darf auch gelacht werden – in «Es wird nie Nacht bei einem wahren Freund», einer burundisch-deutschen Komödie. Humor aus einem Land, das, wie Christoph Nix erzählt, zu den gefährlichsten der Erde gehört.

Rolf App

rolf.app@focus.ch