Brecht und seine Enkelin am Theater Konstanz: Der Preis der Ordnung

Regisseurin Johanna Schall inszeniert am Theater Konstanz Bertolt Brechts spätes Schauspiel «Die Tage der Commune». Die Brecht-Enkelin greift dabei selbstbewusst auf den Text zu und lässt auch das Theater selbst sprechen. 

Brigitte Elsner-Heller
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Überall Blut: Die proletarische Nationalgarde erhebt sich gegen die herrschende Klasse. (Bild: Ilja Mess)

Überall Blut: Die proletarische Nationalgarde erhebt sich gegen die herrschende Klasse. (Bild: Ilja Mess)

Blut hat bereits in der ersten Szene die Kleidung der Menschen durchtränkt, die für ein besseres Leben erst auf die Schlachtfelder zogen, dann auf die Strassen von Paris. Die französische Staatsmacht, Preussen unterlegen, hat sich gewaltsam derjenigen entledigt, die eben noch nützlich, nun jedoch gefährlich waren – mit Hilfe Preussens.

«Die Tage der Commune», Brechts spätes Schauspiel, das er nicht mehr auf der Bühne sah, thematisiert die Revolte von 1871 in Paris. Während hinter verschlossenen Türen Bismarck und der von der Nationalversammlung beauftragte Thiers verhandeln, erhebt sich die proletarische Nationalgarde gegen die herrschende Klasse, die sich umgehend von Paris nach Versailles absetzt. 72 Tage währen «die Tage der Commune», bevor die alte Ordnung wiederhergestellt ist.

Kein Ort, wo man sich geruhsam niederlässt

In Konstanz hat Brecht-Enkelin Johanna Schall das Stück auf die Bühne gebracht, hat es von seinem Ende her erzählt und dabei eine wohltuend von Ballast befreite Textfassung zugrunde gelegt. In Brecht-Manier wird dabei zunächst das Theater als solches mit ausgestellt, indem die Versuchsanordnung auf eine schiefe, aus Gitterrosten bestehende Ebene drapiert wird. Kein Ort, sich geruhsam niederzulassen (Bühne: Nicolaus-Johannes Heyse).

Ist Gewalt in der Auseinandersetzung um Gerechtigkeit legitim? (Bild: Ilja Mess)

Ist Gewalt in der Auseinandersetzung um Gerechtigkeit legitim? (Bild: Ilja Mess)

Das Bild einer schönen Utopie an diesem Anfang, der doch ein Ende darstellt. Da singen sie gemeinsam das Lied von der Süsskirschenzeit, die Frauen und Männer der Commune. Sie singen abgewendet, werden dann, sich umdrehend, nach­einander erschossen. Johanna Schall setzt wie im Gegenschnitt sofort nach, lässt Thiers (Ralf Beckord) den Sieg über die Aufständischen auskosten.

Und dann kommt schon Brecht pur: Ganz einem Lehrstück entsprechend, begegnet Brecht der ethischen Frage, ob Gewalt in der Auseinandersetzung um Gerechtigkeit legitim ist, mit harter Geste. Bei Johanna Schall tritt Pierre Langevin vor (Thomas Ecke), Delegierter der Com­mune, der stets für die Vernunft und gegen Gewalt argumentiert hatte, und bittet um Verzeihung für diese Haltung. Da gilt es zunächst einmal Luft zu holen.

Nach dieser «Zusammenfassung» bleibt Zeit, Theater zu spielen, kleine Leute mit ihren Sorgen und Nöten dem Publikum zu präsentieren. Wobei in den äusseren Rahmen ein innerer Handlungsstrang eingezogen wird. Hier wird sichtbar, dass «das Volk» keineswegs nur ein einiges Volk sein muss.

Denn da gibt es stramme Nationalgardisten wie Papa (Thomas Fritz Jung) oder Jean Cabet (Dan Glazer), aber auch Philippe, der als Regierungssoldat dient und nahezu bereit ist, seinen Bruder zu erschiessen. Kleine Liebesgeschichten mit Babette (Sarah Siri Lee König) und Geneviève (Jana Alexia Rödiger) lockern – ganz an Unterhaltung orientiert – Brechts Ethik-Regiment auf.

Schweres Thema, frisches Ensemblespiel

Nein, ein Brecht in fundamentalistischer Lehrbuchmanier muss heute nicht sein. Da mag man es doch mit der ursprünglichen Haltung Langevins halten und dafür plädieren, der Vernunft eine Chance zu geben. Zum Glück hat Johanna Schall in ihrer Inszenierung selbstbewusst auf den Text zugegriffen und auch Theater selbst sprechen lassen.

Schweres Thema, frisches Ensemblespiel: Das Konstanzer Ensemble überzeugt in Johanna Schalls Inszenierung. (Bild: Ilja Mess)

Schweres Thema, frisches Ensemblespiel: Das Konstanzer Ensemble überzeugt in Johanna Schalls Inszenierung. (Bild: Ilja Mess)

Austariert und frisch wirkt trotz des schwerwiegenden Themas das Ensemblespiel, das Tempo in die Schulstunde bringt und sich den einen oder anderen Scherz (mit Brecht, mit dem Publikum) erlaubt. So ist es zumindest ein netter Einfall, die Mächtigen in fleckenlosen weissen Anzügen auf die Bühne zu schicken. Brecht und die Ironie: Im Grunde geht das aber kaum zusammen.

«Die Tage der Commune», Theater Konstanz, bis 28.12.2019

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