Theater Konstanz: Im Buch zur Intendanz von Christoph Nix fehlt eine kritische Würdigung 

Der Sammelband «Theater_Stadt_Politik»hält Rückschau auf die Intendanz von Christoph Nix in Konstanz. Nicht alle Texte sind gelungen.

Valeria Heintges
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Bei der Inszenierung von «Mein Kampf» von George Tabori wurden 2018 Hakenkreuze und Judensterne ans Publikum verteilt. (Bild: Ilja Mess/Theater Konstanz)

Bei der Inszenierung von «Mein Kampf» von George Tabori wurden 2018 Hakenkreuze und Judensterne ans Publikum verteilt. (Bild: Ilja Mess/Theater Konstanz)

Im Verlag Theater der Zeit bringen Theaterintendanten gerne Bücher heraus, wenn sie Häuser verlassen oder Jubiläen feiern. Konstanz’ Intendant Christoph Nix ist da keine Ausnahme. 2009, da war er kaum dort gelandet, schenkte sich das Haus einen Jubiläumsband zum 400. Geburtstag und bekräftigte damit seinen Anspruch, das älteste durchgängig bespielte Theater Deutschlands zu sein. Jetzt verabschiedet sich Nix mit einem zweiten Band nach 14 Jahren vom Theater am Bodensee.

Nix, einer der streitbarsten Intendanten Deutschlands, gelernter Clown, promovierter Jurist und promovierter Theaterwissenschaftler, beleuchtet zu Beginn das Verhältnis von «Theater und Demokratie». Beide seien gefährdet, schreibt er. Die Demokratie, weil in den zuständigen Gremien zu wenig diskutiert werde, die Theater, weil sie weniger von politisch denkenden Menschen, sondern vielmehr von Geschäftsführern geführt würden. Zu wenig Streit allerorten also: «Weniger die alten Patriarchen – wie ich – führen zur Entpolitisierung, mehr die jungen Manager/-innen.»

Große Diskussionen gab es bei 2014 der Inszenierung von «Das Märchen vom letzten Gedanken», das den Genozid an den Armeniern zum Thema hatte. (Bild: Ilja Mess/Theater Konstanz)

Große Diskussionen gab es bei 2014 der Inszenierung von «Das Märchen vom letzten Gedanken», das den Genozid an den Armeniern zum Thema hatte. (Bild: Ilja Mess/Theater Konstanz)

«Der bekennende Feuerkopf Nix»

An der Diagnose mag etwas dran sein. Trotzdem bleibt die Leerstelle, dass auch Theater weit entfernt davon sind, heilsbringende, hoch demokratische Institutionen zu sein. Vielmehr zeigte sich in der #Me-too-Debatte klar, wie sehr ihre starren Hierarchien weniger Lösungen bieten als vielmehr selbst Probleme produzieren.

Danach wird auf die Intendanz Nix rückgeblickt: mit vielen bunten Bildern von vielen Inszenierungen, einem Verzeichnis aller Werke seit 1609, einem launigen Text von Charles Lewinsky, einem etwas blutleeren des Kritikers Michael Laages. Und mit Aufsätzen des Historikers Daniel Bruder, der die Geschichte aufrollt von der Jesuitenschule bis heute und über die Probleme einer Institution schreibt, die in einem Haus arbeitet, das nicht als Bühne gedacht war und immer erst nach langen Querelen saniert werden konnte.

Auch die sehr freie Inszenierung von «Der zerbrochne Krug» war umstritten (Premiere 19.2.2016) (Bild: Ilja Mess/Theater Konstanz)

Auch die sehr freie Inszenierung von «Der zerbrochne Krug» war umstritten (Premiere 19.2.2016) (Bild: Ilja Mess/Theater Konstanz)

Erfrischend, leise ironisch und doch aufschlussreich der Text von Jürgen Leipold. Der langjährige Vorsitzende der Gemeinderatsfraktion der SPD erinnert sich an seine Zeit in diversen Gemeinde- und Theaterbeiräten. Nach der Lektüre wundert man sich nicht mehr, dass «der bekennende Feuerkopf Nix» (Laages) in einer Stadt anstossen musste, deren Politiker sich «Konstanz-Gängiges, nicht bestes Theater» (Leipold) wünschen.

Eindeutiger Buch-Höhepunkt sind zwei Seiten Realsatire: ein Brief des Vorsitzenden der Besucherorganisation Volksbühne und die Antwort des Intendanten Wilhelm List-Diehl. Stein des Anstosses: eine Aufführung von Dürrenmatts «Die Panne». Inklusive, so die Betreffzeile links: «Schwulitäten, Obszönitäten, Perversitäten».

Mit dem Stück «Angst essen Seele» auf in der Regie von Johanna Schall war das Theater Konstanz auf Gastspielreise in Malawi. Eine von vielen Produktionen, die man auch im Ausland zeigte. (Bild: Bjorn Jansen/Theater Konstanz)

Mit dem Stück «Angst essen Seele» auf in der Regie von Johanna Schall war das Theater Konstanz auf Gastspielreise in Malawi. Eine von vielen Produktionen, die man auch im Ausland zeigte. (Bild: Bjorn Jansen/Theater Konstanz)

Ach, hätten doch die anderen Autoren auch so viel erlebt und gesehen wie Politiker Leipold. Leider aber merkt man auch dem Text von Veronika Fischer an, dass sie keine der Kooperationen und Theaterreisen nach Malawi, Togo, Burundi, Kanada, Irak oder Kuba erleben konnte. So muss sie floskelhaft vom «deutlichen Mehrwert auf verschiedenen Ebenen» berichten und als Strapazen einer Dienstreise nach Togo den Langstreckenflug und die Malaria-Prophylaxe ausmachen. Dabei lebt doch gerade solch interkultureller Austausch vom Erleben vor Ort, das auch dann noch nachwirkt, wenn die Reisenden längst wieder zu Hause sind.

34 Premieren in einer Spielzeit

Auch Fischers Vergleich zweier Theaterskandale in Konstanz ist unkritisch und schwierig, weil die Aufführungen mehr trennt als vereint. Einerseits war das Theater mit Wolfgang Borcherts «Draussen vor der Tür» seiner Zeit voraus, andererseits wollte es für die Groteske «Mein Kampf» von George Tabori gewaltsam Aufmerksamkeit generieren und nutzte dafür die abgeschmackte Idee, Hakenkreuze und Judensterne ans Publikum zu verteilen.

Vieles also muss man zwischen den Zeilen lesen. Eine kritische Würdigung der Intendanz Nix steht damit noch aus; sie müsste abwägen, dass Nix immer wieder mutig, oft aber auch auf Krawall gebürstet war und den Verschleiss seiner Mitarbeiter in viel zu vielen Premieren in Kauf nahm – in einer Spielzeit waren es 34. Insgesamt aber hob er das Haus über die Bedeutung anderer Häuser vergleichbarer Grösse hinaus.

Christoph Nix (Hrsg.): Theater_Stadt_Politik: Von Konstanz in die Welt. Theater der Zeit, 175 Seiten,
Fr. 30.–
Buchpräsentation Freitag, 11. Oktober,
15 Uhr, Theater Konstanz

Wegen «Mein Kampf» ist der gute Ruf von Konstanz in Gefahr

Die Konstanzer «Mein Kampf»-Inszenierung vom Frühling hat ein politisches Nachspiel. Das Medienecho auf die Einlassregel «Mit Hakenkreuzbinde Gratiseintritt» habe der Stadt geschadet, so das Fazit einer Studie. Der Auftrag dazu kam vom Kulturbürgermeister.
Hansruedi Kugler

Christoph Nix' letzte Spielzeit im Theater Konstanz

Er ist umstritten, aber erfolgreich: Der Intendant des Theaters Konstanz geht in seine letzte Spielzeit. Mit seinem pointierten, angriffigen Stil sorgte er bisher für ein Theaterfeuerwerk. In der letzten Saison erfüllt er sich einige Träume.
Brigitte Elsner-Heller