THEATER: Kleine Katharsis gefällig?

Im Kulturzentrum Konstanz heben Christian Lippuner, János Stefan Buchwardt und Stefan Postius ziemlich charmant Gewissheiten aus den Angeln und führen Konstrukte ad absurdum.

Eva Grundl
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Drei kritische Künstler erkunden aktuelle Fragen und menschengemachte Entwicklungen in ihrer Ausstellung «Hinter Kulisse und Stirn» in Konstanz. (Bild: Donato Caspari)

Drei kritische Künstler erkunden aktuelle Fragen und menschengemachte Entwicklungen in ihrer Ausstellung «Hinter Kulisse und Stirn» in Konstanz. (Bild: Donato Caspari)

Eva Grundl

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

Nicht klein, dafür aber fein und absolut sehenswert ist die mit dem schlichten Titel «Hinter Kulisse und Stirn» daher kommende Schau des Künstlerkollektivs Christian Lippuner, János Stefan Buchwardt und Stefan Postius. Eine Kooperation, die unter anderem vom Kulturbüro Konstanz, dem Kulturfonds der Stadt Konstanz und der Thurgauer Kulturstiftung gefördert worden ist.

Drei Mann setzen sich mit dem Instrumentarium der Kunst und ihren Möglichkeiten auseinander mit teils als Verwerfungen wahrgenommenen Phänomenen, die aktuell einen Gutteil der Menschen interessieren und die Debatten der Öffentlichkeit befeuern und prägen. Als Beispiel sei zunächst die grossformatige Fotografik des Konstanzers Stefan Postius mit dem Titel «Brauntöne» genannt. Das auf der sinnlichen Ebene wunderschöne Kompositum von Materialien wie Wolle, Leder oder Metall provoziert nach der ersten Attraktion Gedanken ans Politische: Darf man Braun überhaupt schön finden? Was genau ist aktuell in politischer Hinsicht Ausdruck einer braunen Gesinnung? Wie wird das weitergehen mit dem aktuellen Wiedererstarken der politischen Rechten, wo enden?

Grosse Fensterfront wird bespielt

Als derart auf sich zurückgeworfen erlebt man sich in der Ausstellung permanent und so auch durch die Textfahnen des Steckborner Wortkünstlers János Stefan Buchwardt. Jeden noch so geringen Lufthauch verführerisch in Bewegung umsetzend, bespielen sie unter anderem die grosse Fensterfront im Richentalsaal. Buchwardt hat die Fahnen bedruckt mit Texten und Textfragmenten verschiedenster Provenienz. Der Blick beisst sich fest am optisch so leicht und transparent daherkommenden, überbordenden Lektüreangebot. Man zweifelt, kämpft und beginnt aufs Neue, nach jenen Strukturen und Ordnungen zu suchen, die Halt geben beim Lesen und es als kollektive Erfahrung überhaupt erst möglich machen: Satzbau, Rechtschreibung, Zeichensetzung, das Spiel aus Sinn und Bedeutung.

Augenfällig wird das Unbehagen, das nicht zwingend auf das Territorium des Behaglichen führt, sodann beim Holzschnitt von Christian Lippuner, des in Grabs geborenen und in Ermatingen arbeitenden Künstlers. Das Gewirr aus Linien, mal geschlängelt, mal recht geradeaus verlaufend, durchzieht in Verbindung mit flächenhaft dargestellten Arealen einen schemenhaft gearbeiteten Kopf.

Betonen wir das Rationale zu sehr?

Diese eindrücklich gearbeitete Landkarte eines menschlichen Gehirns liesse sich zumal in Verbindung mit dem Werktitel «Kopfgeburt» interpretieren als die Abwesenheit von der sinnlichen Wahrnehmung und zugleich der Suche nach ihr. Auch hier werfen sich für die Betrachtenden Fragen auf wie jene nach einer allfälligen Überbetonung des Rationalen, des Logischen und Intellektuellen zumal in der westlichen Welt. In welchem Verhältnis genau stehen Sinnlichkeit und Ratio? Was genau wäre gewonnen, würde dem Sinnlichen mehr an Gewicht verliehen, sei es in öffentlichen Debatten oder auf der individuellen Ebene? Oder aber: Wäre denn überhaupt etwas gewonnen? Zur Frage nach dem Reiz am Projekt «Hinter Kulisse und Stirn» sagt das Künstlerkollektiv: «Das Verhältnis zwischen dem, was hinter menschlicher Stirn ausgeheckt wird, und dem nach aussen Vorgespiegelten.»

Hinter Kulisse und Stirn, ­Kulturzentrum am Münster. ­ Di–Fr 10–18, Sa/So 10–17 Uhr Do, 29.12., 18–21 Uhr: Finissage und Präsentation der Abschlussdokumentation. hinterkulisseundstirn.de