«Theater ist die totale Magie»: Oliver Kühn macht seit 25 Jahren «Theater jetzt»

Die Kulturamtsleiter wechseln, er bleibt: Oliver Kühn feiert mit seinem «Theater jetzt» das 25-Jährige Bestehen. Im Interview erzählt der 50-Jährige vom Hinterthurgau, von Recherchearbeit und warum es Theater braucht.

Interview: Julia Nehmiz
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Oliver Kühn, Gründer des «Theater jetzt». (Bild: Lisa Jenny)

Oliver Kühn, Gründer des «Theater jetzt». (Bild: Lisa Jenny)

Der Thurgauer Regisseur empfängt daheim, nicht auf der Bühne. Denn Oliver Kühn leitet zwar seit 25 Jahren sein «Theater jetzt» in Sirnach, hat aber kein Theater im eigentlichen Sinn. Trotzdem ist es eine Erfolgsgeschichte. In seiner gemütlichen Altbauwohnung im Zentrum der Stadt St.Gallen nimmt Kühn im Wohnzimmer auf einem alten Friseurstuhl Platz und erzählt über sich und sein Verständnis von Theater.

Sie machen seit 25 Jahren Theater, in der Provinz, im thurgauischen Sirnach. Theater funktioniert also nicht nur in Grossstädten?

Oliver Kühn: Nein, wieso? Theater ist der einzige Ort, wo man eine eigene Welt kreieren kann. Im Theater entsteht eine Blase. Auch ich schaue manchmal viel lieber zu, als selbst Theater zu machen.

Wie sind Sie mit «Theater jetzt» in Sirnach gelandet?

Ich bin im Thurgau aufgewachsen, dort bin ich geerdet. Ich verspüre schon eine kantonale Verbundenheit, auch wenn ich seit neun Jahren in St.Gallen wohne. Doch die Gemeinde Sirnach stellt uns zu sehr guten Konditionen Lager- und Proberäume zur Verfügung. Ich verstehe uns als Ostschweizer Theater, auch wenn das der Ostschweizer Mentalität widerspricht.

Was meinen Sie mit «Ostschweizer Mentalität»?

Ja, die hockt hier so fest: Hier sind wir, da die anderen, man grenzt sich ab. Das ging mir ja selber auch so. Ich habe bis vor zehn Jahren gar nicht mitbekommen, dass die Ostschweiz hier extrem schön ist! Es gibt schon eine gewisse Distanz zwischen St.Gallen und Thurgau. Für mich spielt das keine Rolle. Es ist doch egal, ob wir in St.Gallen, Rapperswil, Tägerwilen oder Rorschach Theater machen. Ich halte es mit Napoleon und bin für einen Kanton Säntis.

Vor 25 Jahren wurde Oliver Kühn vom Zuschauer zum Theatermacher. (Bild: Lisa Jenny)

Vor 25 Jahren wurde Oliver Kühn vom Zuschauer zum Theatermacher. (Bild: Lisa Jenny)

Ihr Theater ist in Sirnach beheimatet, aber Sie spielen dort nicht. Wollen Sie kein richtiges Theater haben?

Nein, gar nicht, das ist viel zu teuer! Was Sie da an Fixkosten haben. Dieser Druck, das immer reinspielen zu müssen. Ich mache lieber Theater an speziellen Orten. Wie mit «Wasserland» am Steinacher Bodenseeufer.

In Steinach haben Sie ein vorgegebenes Stück inszeniert. In anderen Projekten kreieren sie die selber.

Ob Autorenstück oder Recherchetheater: Wichtig ist, dass das Thema relevant ist. Im Puschlav fragte ich, was interessiert die Menschen an dem Tal? Ganz klar: Ruhe, Entschleunigung.

Das ist noch kein Stück.

Nein, aber darüber kommst du zur Frage, was ist eine gesunde, was ist eine kranke Gesellschaft? In unserer von zu viel Arbeit krank gewordenen Gesellschaft geht es ums Gesunden. Im Puschlav gibt es ein historisches Hotel, 175 Jahre alt, am See. Das bringen wir mit einem aktuellen Thema zusammen: Burn-out.

Was ist zuerst da, der Ort oder das Stück?

Ganz zu Beginn steht der Inhalt. Das Thema muss mich interessieren, es muss relevant sein, es muss etwas mit den Menschen zu tun haben. Dann suche ich mir die Leute dazu, und dann suchen wir den Spielort.

Zur Person

Geboren ist Oliver Kühn (50) in der Westschweiz, aufgewachsen im thurgauischen Ettenhausen, das mittlerweile zur Gemeinde Aadorf gehört. Früher ein Bauerndorf, heute ein Agglo-Ort, sagt Kühn. Er absolvierte das Lehrerseminar. Beim Projekt «Theater jetzt!» mit Jugendlichen kam er auf den Geschmack, der Name des Theaters war geboren. Er studierte an der Schauspiel-Akademie Zürich (heute ZhdK). Vom Jugendtheater kam er zum Recherchetheater. Heute arbeitet Kühn als Regisseur, Schauspieler, Moderator und Schauspieldozent. 

Wie sind Sie eigentlich zum Theater gekommen, damals in Ettenhausen?

Klar war ich nicht tagtäglich mit Theater konfrontiert. Doch meine Eltern sind mit mir ins Museum gegangen und ins Theater. Die allererste Inszenierung, an die ich mich erinnere, war «Frau Holle» am Theater St.Gallen. Damals hat mich die Faszination Theater gepackt, aber als zuschauender Mensch: Theater ist schön! Es macht Spass!

Wie wurden Sie vom ­Zuschauer zum Macher?

Es war ein Entdecken, dass ich Theater machen will. Ich habe mich quasi selber ans Theater herangeführt. In der Schule sagte zwar ein Lehrer zu mir, ich solle doch Theater machen. Aber ich habe gefunden, nein, ich schaue Theater, es zu machen habe ich mir nicht zugetraut. 1994, da hatte ich schon mein Lehrerpatent, habe ich Regie geführt bei der Jugendproduktion «Theater jetzt», und da hat es mich gepackt. Ich fand, wenn Theater machen, dann richtig. Es war eine Bauchentscheidung.

Fürs Theatermachen braucht es auch Geld. Wie finanzieren Sie die Projekte?

Für jede Produktion stelle ich erneut Anträge, reiche Projektbeschriebe ein. Das ist mühsam, man fühlt sich immer als Bittsteller.

Was wünschen Sie sich von der Kulturpolitik?

Inhaltliche Diskussionen. Die Relevanzdiskussion müsste auch auf Seiten der Geldgeber geführt werden. Dann gäbe es Klarheit: Das wird unterstützt und das nicht. Oft heisst es einfach, nein, Sie haben letztes Jahr einen Beitrag bekommen, jetzt gibt es nichts. Da geht es nie um Inhalte! Natürlich wird da das Eis ganz dünn, aber das muss man aushalten. Diese Diskussion fände ich interessant.

Was steht bei Ihnen jetzt auf dem Programm?

Nächsten Frühling feiert «Alle im Wunderland» Premiere. Und wenn ich träumen darf: Ich möchte mit allen Theater-Jugendclubs von Konstanz bis Liechtenstein gemeinsam «Faust» inszenieren. Warum gibt es so wenig Kontakt untereinander? Die Region ist doch so toll.

Hat Theater eine Zukunft?

Und wie. Das Wichtige am Theater ist, dass man bei den Leuten etwas berühren kann. Dass es ans Herz geht, ans Gemüt.

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