THEATER: Haben Neonazis eine Seele?

«Adams Äpfel» feierte als Kinofilm 2005 Triumphe. Auch wo die makabre Offenbarungskomödie im Theater gespielt wird, ist das Publikum begeistert. Nun kommt das Stück im Theater St. Gallen auf die Bühne.

Hansruedi Kugler
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2005 spielte der dänische Schauspieler Ulrich Thomsen den Neonazi Adam, der einen Apfelkuchen backen soll. (Bild: Look now!)

2005 spielte der dänische Schauspieler Ulrich Thomsen den Neonazi Adam, der einen Apfelkuchen backen soll. (Bild: Look now!)

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler

@tagblatt.ch

«Makaber bis an die Schmerzgrenze, saukomisch und zugleich von grosser Intelligenz und unerwarteter Warmherzigkeit. Eine bodenlose Unverschämtheit und eine Offenbarung!» Die Filmkritik stammt aus dem Magazin «Cinema» und stand stellvertretend für die Begeisterung über den skurrilen, biblisch unterfütterten Zweikampf zwischen dem mürrischen Neonazi Adam und seinem krankhaft gutgläubigen Betreuer Ivan. In dessen religiöser Therapiegemeinschaft soll sich Adam nach einer Haftstrafe resozialisieren. Dazu hat dieser aber gar keine Lust, hängt ein Bild Adolf Hitlers an die Zimmerwand und verprügelt Ivan, weil der aus seinem Leben alles Negative herausfantasiert. Ivan hat aber auch allen Grund, den Pessimismus zu verdrängen: Denn würde er die Unglücksfälle in seinem Leben nicht ignorieren, müsste er sich wie in der Hölle fühlen. In der Schweiz sahen 41000 Zuschauer den Film im Kino. Und schauten zu, wie sich die anfängliche Satire auf das Gutmenschentum rasant in eine rabenschwarze Komödie verwandelt.

Hier steckt der Teufel in jedem Detail

Seine dramaturgische und bildhafte Wucht bezieht «Adams Äpfel» aus einem alttestamentarischen Fundus: Mit dem symbolisch umgedeuteten Apfel aus dem Paradies, mit der brutalen biblischen Geschichte über den von Gott schwer geprüften Hiob, mit völlig desillusionierten, zeitgenössischen Figuren (Alkoholiker, Kleptomane, Vergewaltiger, arabischer Tankstellenräuber), mit bizarren Wundern und alttestamentarischen Plagen (Krähen, Würmer, Blitze). Den atemberaubenden psychologischen Erklärungen entzieht sich der Film. Die sarkastische politische Unkorrektheit und die temporeiche Erzählweise mit überraschenden Wendungen werfen die Zuschauererwartungen alle paar Minuten über den Haufen. Hier steckt der wahrhafte Teufel in jedem Detail! Die dänischen Starschauspieler Mads Mikkelsen («James Bond – Casino Royale», «Die Jagd») und Ulrich Thomsen («Das Fest», «Die Kommune») verhalfen dem Film zusätzlich zum Erfolg.

Diese Saison hat man das Stück schon in Konstanz sehen können, wo die Bühnenfassung nichts von der diabolischen Wucht einbüsste. Zuvor wurde es schon an vielen Bühnen gespielt, jeweils in der Fassung von K. G. Schmidt. In St. Gallen werden die Ensemblemitglieder Christian Hettkamp als Adam und Oliver Losehand als Ivan zum Duell antreten. Regie führt Jenke Nordalm, die zuletzt in Weimar Juli Zehs Roman «Unterleuten» auf die Bühne brachte.

Hinweis

Adams Äpfel, Premiere Sa,

20 Uhr, Theater St. Gallen