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Theater für die Generation Greta: Das Schauspielhaus Zürich besucht Schüler im Klassenzimmer

Wie bringt man die Klimakrise auf die Bühne? Gar nicht, finden die Theatermacher von «Greta». Mit ihrem Stück besuchen sie die Schüler direkt im Klassenzimmer.
Julia Stephan
Die Darsteller Julia Berger, Lara Fuchs und Roman Kiwic in einem Zürcher Schulzimmer. (Bild: Gina Folly)

Die Darsteller Julia Berger, Lara Fuchs und Roman Kiwic in einem Zürcher Schulzimmer. (Bild: Gina Folly)

Wie ein fröhliches Guerilla-Kommando stürmen Alina, Betty und Claudio in ein Klassenzimmer der Kantonsschule Rämibühl, die Streikplakate unter dem Arm, die Entschlossenheit in der Stimme. «Hä, was mached ihr no da?», fragen sie atemlos uns, das Publikum, die Schreibtischtäter hinter den Schulbänken. Greta Thunberg kommt nach Zürich. Da kann man doch nicht sitzen bleiben.

Alina (Julia Berger), Betty (Lara Fuchs) und Claudio (Roman Kiwic) sind Schüler im Stück «Greta» von Lucien Haug, 26, und Suna Gürler, 33. Sie sind nicht «die» Klimajugend. Mit ihren unterschiedlichen Ansichten passen die drei so gar nicht in das uniforme Erwachsenenklischee. Eine Stunde lang werden sie am Abend in der Schule, der bestreikten Institution der «Fridays for Future»-Bewegung, temporeich über sich und die Welt debattieren.

Was ist wichtiger: die Rettung der Erde oder der eigene Job? Wer zahlt einen höheren Preis für seinen Klimastreik: Berufsschüler oder Gymnasiasten? Verliert man als Tochter behütender Eltern, die einen vom Klimacamp mit dem Jeep abholen, seine Glaubwürdigkeit? Und verdammt noch mal was soll man tun, wenn man sie nicht spürt, die Angst vor der Zukunft? Darf man trotzdem noch mitstreiken?

«Es ist anstrengend, immer die Anstrengende zu sein», sagt Alena auf dem Höhepunkt der atemlosen Klassenzimmerdebatte. Man glaubt ihr sofort. Die Energie, der Enthusiasmus der drei Darsteller sind einfach überwäl­tigend.

Vorführung auf Bestellung

«Greta», eine Produktion des Schauspielhauses Zürich, ist diese Woche angelaufen. Und sie bleibt nicht gemütlich auf dem Spielplan eines der grössten Stadttheater der Schweiz sitzen. «Greta» geht ins Klassenzimmer. Lehrer oder Schüler können eine Aufführung beim Schauspielhaus bestellen, die dann in eine reguläre Schulstunde eingebunden wird.

So will es Regisseurin Suna Gürler, die das Konzept vom Jungen Theater Basel her kennt. Damit setzt sie die Ziele des Klima-Aktivismus auch auf formaler Ebene um: Das Stück mobilisiert Jugendliche und wird in den nächsten Wochen dank Mundpropaganda eine Tournee durch Schweizer Schulhäuser machen. Schon jetzt kann sich das Schauspielhaus vor Anfragen kaum retten.

Haug und Gürler haben durch ihre Arbeit im Bereich Jugendtheater ein Gespür für das, was Jugendliche umtreibt. Bei einem gemeinsamen Projekt am Theater Basel Anfang Jahr probte man in direkter Nachbarschaft zu einem Klimacamp. Doch selbst Theaterautor Lucien Haug war von der «Fridays for Future»-Bewegung als Autor überrumpelt worden. 2018, noch vor Beginn der Klimastreiks, inszenierte das Aargauer Jugendtheater Junge Marie sein Stück «Heroes of the overground/Die Erben». Eine Gruppe Jugendlicher findet dort auf die Krise des Planeten die Antwort im eigenen Verschwinden. Heute wirkt das Stück wie ein Anachronismus.

Wie man auf der Bühne ein Klima schafft für die Klimakrise, wie man aus distanzierten engagierte Zuschauer macht, wird unter Theatermachern gerade heiss diskutiert. Suna Gürler und Lucien Haug setzen auf das identifikatorische Potenzial von Theater und den Dialog als Mittel, die verschiedenen Haltungen und Konflikte im komplexen Themenfeld auf der individuellen Ebene erfahrbar zu machen. Jugendliche wie Erwachsene können sich im Stück «Greta» gleichermassen spiegeln.

«Ich finde wichtig, dass es bei den Stücken um Aktivismus geht», sagt Lucien Haug. Er ist überzeugt:

«Nicht nur um die Kritik am individuellen Handeln. In der öffentlichen Debatte spricht man oft darüber, was einzelne Personen denn tun können. Der Aktivismus führt einen aus der Sackgasse der Selbstzerfleischung heraus.»

Der Aktivismus hat auch abseits von Theaterbühnen theatrale Züge angenommen. Greta Thunbergs Reden sind rhetorisch so geschliffen, dass sie mit einer Rede aus einem klassischen Drama mithalten können. Politische Aktionen wie die Anti-Kohlekraft-Bewegung «Ende Gelände» in Deutschland bedienen sich der Mittel des Theaters, wenn ihre Aktivisten im Kollektiv in einer im Vorfeld einstudierten Choreografie in Kohlegruben stürmen. Das gleiche gilt für die auch in der Klima-Bewegung stark umstrittene Gruppe «Extinction Rebellion», die ebenfalls auf zivilen Ungehorsam setzt und diesen Sommer vergeblich versuchte, literweise Kunstblut auf dem Berner Bundesplatz zu verschütten.

Dass Theater mit Aktivismus zusammengeht, beweist das an den Grenzen des guten Geschmacks agierende Kollektiv «Zentrum für Poli­tische Schönheit». An einem Theaterfestival in Berlin stellt es dieser Tage seine bisherigen Aktionen vor und will dem Klimaaktivismus Impulse geben.

Noch ist die Zahl der Klima-Stücke überschaubar. Theater brauchen wegen des hohen Planungsaufwands länger, um auf aktuelle Ereignisse zu reagieren. Doch die Debatte darüber ist entfacht: Soll ein Stück über den Klima­wandel nun Drama sein oder Satire wie Jens Nielsens «Lomonossow», das am Sogar Theater Zürich aus aktuellem Anlass wieder gezeigt wird. Oder ist ein Diskurstheater wie eine nachgestellte Weltklimakonferenz der Gruppe «Rimini Protokoll» die bessere Lösung?

In am stärksten vom Klimawandel betroffenen Regionen wie Indonesien oder den Philippinen werden seit Jahren Stücke produziert, die den Einfluss von Naturkatastrophen auf Biografien nachzeichnen. Manche davon konnten sogar politisch etwas bewirken.

Mit Fakten Emotionen wecken

Allerdings funktioniert der Fokus auf die Opfer des Klimawandels im bislang verschonten Europa nur bedingt. Immersive Techniken wie 360-Grad-Filme und Virtual Reality könnten ­näher an das Elend der Hauptbetroffenen auf der südlichen Hemisphäre heranzoomen. Manche Theatermacher fordern mehr Helden, wie Greta oder Klimaforscher, und wollen der Bühne mehr Pathos einimpfen. Dass die Verursacher der Klimakrise aufgrund der Komplexität des Themas nur schwer darstellbar sind, ist für die Bühne hingegen eine Herausforderung.

Weil das Theater die Möglichkeit hat, den Zuschauer auf der emotionalen Ebene abzuholen, ist es zu einer wertvollen Hilfswissenschaft der Naturwissenschaft geworden. Theaterschaffende werden heute an Konferenzen eingeladen. Sie sollen Zahlen, Prozesse und Klimakurven performen, weil das blosse Auflisten von Fakten während der letzten Jahrzehnte niemanden zum Umdenken gebracht hat. Doch die Beeinflussung ist gegenseitig: Im Theater boomen Lecture Performances, Dokutheater und Künstlerrecherchen bei Klimainstituten.

Die Gleichgültigkeit schmelzen

Der deutsche Theatermacher und Biologe Tobias Rausch geht in seinem Essay «Schauspiele jenseits des Menschen» einen Schritt weiter: Ähnlich wie der indische Autor Amitav Gosh fordert er, dass die Natur in den Erzählungen auf der Bühne wieder zum Akteur wird. Im Rahmen eines Projekts am Staatstheater Hannover machte er die Erfahrung, dass das Publikum sogar am Schicksal einer in der Mikrowelle verbrennenden Basilikumpflanze Anteil nimmt, ungeachtet dem, dass genau dieses Publikum zu Hause ungerührt Basilikumblätter zerhackt.

Offensichtlich, so Rausch, lasse sich auch für Pflanzen Empathie herstellen, wenn man es richtig anstelle. Vielleicht braucht es sie also doch, die schmelzenden Gletscher auf der Bühne, damit unsere Gleichgültigkeit endlich schmilzt.

Tipp

«Greta», Schauspielhaus Zürich
Nächste öffentliche Aufführungen: 18.11. (Restkarten), 15.12. www.schauspielhaus.ch «Lomonossow» von Jens Nielsen
Sogar Theater Zürich. 10./14./17.11. www.sogar.ch

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