THEATER: «Fick dich selber»

Willkommen im Fäkaltheater – auf der St. Galler Kreuzbleichewiese startet die Companie Cirque de Loin ihre Schweizer Tournée. Mit dem derben Endzeit-Mythen-Trash-Stück «Mendrisch».

Hansruedi Kugler
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Deftiger, für «Mendrisch» typischer Tabubruch: Ruppiger Ehebruch auf dem Kinderwagen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Deftiger, für «Mendrisch» typischer Tabubruch: Ruppiger Ehebruch auf dem Kinderwagen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler

@tagblatt.ch

Dass keine Missverständnisse aufkommen: Die Theaterleute sind ganz lieb, backen leckere Pizzas und verkaufen Bier in ökologischen Depotbechern. Auf der Bühne aber wandeln sie sich in Tobsüchtige. «Nimm lieber vorher ein Bier, das macht es erträglich», sagt Schauspielerin Newa Grawit mit versteinerter Miene ungefragt zum Journalisten, der vor der Abendvorstellung noch ein Mineralwasser an der Bar bestellt. Das kann man durchaus in doppeltem Sinn verstehen. Kaum betritt er das wunderschön-romantische, einladende Zirkuszelt, bekommt er einen Hustenanfall vom Räucherstäbchen-Qualm. Und um sich auf das folgende Stück einzustimmen, wäre ein Bier das Minimum gewesen. Denn «Mendrisch» präsentiert Figuren, die sich maximal vulgär, aggressiv und geschmacklos austoben. «Fick dich!», brüllen sie sich im Minutentakt an. Die Säuglingspuppe wird zur Zielscheibe des Zirkus-Axtwerfers: «Jöö, hast du ein gespaltenes Köpfchen?», sagt dann der junge Vater. Aus dem Klo winkt die junge Mutter lasziv: Einer der vier Herren darf genüsslich ihre Kacke schmatzen.

Sex ist nur noch Kanal angestauter Destruktivität

Wer hier noch weiter liest, wäre auch nicht sofort aus dem Zirkuszelt geflüchtet. Nehmen wir das Stück deshalb zunächst einmal für ernst: Vielleicht sitzt ja auch uns der Sadismus tief und lustvoll in den Knochen. Vielleicht explodiert auch unser Triebstau bei geringstem Anlass. Vielleicht sind Ekel, Scham, Anstand, Vernunft allesamt zivilisatorische Täuschungen. Schauspieler Dominique Jann zitiert denn auch mitten im Stück Nietzsches «Zarathustra», den Propheten des ungeschminkten Lebens der Wollust, Herrschsucht, Selbstsucht. Vom bissigen Kritiker bürgerlicher Verlogenheit über Alfred Jarrys Vulgär-Satire «König Ubu» und «Sennentuntschi» bis zum «Big Brother»-Trash mag man Anspielungen entdecken. Einen kurzen Moment lang hat man sogar hilflos-grobe Figuren gesehen, die einem aus Stücken von Ödön von Horvath ans Herz gehen. Warum lässt «Mendrisch» dennoch kühl und unbeteiligt? Wohl weil es zwar artistisch hochkarätiges Körpertheater zeigt, aber um sich kreist und keine Bezüge herstellt: Woher die Aggression? Das Stück bleibt eine Antwort schuldig. Die Moral bleibt so simpel wie brachial: Sex und Gewalt sind nur noch Kanäle angestauter Destruktivität. Der schrill behauptete Ausweg «Freie Liebe schafft Vertrauen» wirkt wie ein verstaubtes Relikt.

Inspirieren liess sich die Produktion von blutrünstigen Sagen. Mendrisch geistert mit wildem Geweih immer noch herum, vielleicht auch im Unterbewusstsein der verrohten Figuren. Die Szenerie: Campingplatz mit Campingwagen, Holztisch, Scheisshaus und offener Baracke. Eine trostlose Zirkustruppe– irgendwo zwischen postapokalyptisch ausgestattetem «Mad Max» mit seinen verrohten Typen und der primitiven Zänkerei im «Big Brother»-Container angesiedelt.

Statt einer Geschichte knalllt das Stück ein Sittenbild auf die Bühne – mit zirzensischen, schamanistischen und brachial-poetischen Revue-Elementen. Man könnte das als beklemmendes Zeitbild sehen: Der verzweifelte Intellektuelle, der zynische Comedian, die frustrierte Hausfrau, der gefallene Engel (der wie Björk singt, am Totempfahl initiiert wird und sich als sexbesessen erweist), der Diener, der Dorftrottel. Leider deckt der akustische Dauerbeschuss «Fick dich» solches Erkennen zu. Die primitive Verrohung inklusive Punkrock-Song vom sehr expliziten Inzest gipfelt im Kannibalismus und im kitschigen Schluss: Alle fallen tot um, ein Baby weint und aus dem Lautsprecher tönt der wunderbare Brahms. Empfohlen für alle, die Trash mögen.

Sa, 3., und So, 4. Juni., je 20 Uhr, Kreuzbleiche St. Gallen.