THEATER: Familiendesaster wird zur Kletterpartie

Ein künstlerischer Glücksfall: Wojtek Klemm trimmt das preisgekrönte Familiendrama «Eine Familie» im Theater St. Gallen zum politischen Sinnbild. Es wirkt dabei trotz gehäufter Katastrophen staunenswert leicht.

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Das Ensemble beim Kraxeln am familiären Möbelturm. (Bild: Iko Freese)

Das Ensemble beim Kraxeln am familiären Möbelturm. (Bild: Iko Freese)

Diese Geschichte könnte einem ganz schnell verleiden. Man kennt sie aus unzähligen Stücken und Filmen: Die verbitterten Seelen und brillanten Hasstiraden zwischen den Generationen. Das Familienfest als Schlachtfeld, auf dem schonungslos abgerechnet wird und unerbittlich düstere Geheimnisse, meist Inzest und Missbrauch, explodieren. Das ist auch in Tracy Letts Stück so. Seine klassisch-elegante Tragikomödie «Eine Familie» aus dem Jahr 2007 verheimlicht denn ihre Stellung in der literarischen Ahnenreihe gar nicht. Letts herausragende Leistung: Er versteht es, das Familiendesaster als Sinnbild der Krise einer ganzen Nation, der USA, sichtbar zu machen. Regisseur Wojtek Klemm erhebt zudem die bittere Konversationsschlacht in seiner St. Galler Inszenierung zum Gesamt-Kunststück, mit einem grossartigen Ensemble, das die schweisstreibend-sportliche Regievorgabe mit augenfälliger Lust umsetzt.

Das Trauma einer rassistischen Nation

So kraxeln die Schauspieler denn am grotesken Turm des häuslichen Mobiliars in schwindelerregende Höhen, hüpfen im Indianerkostüm Ringelreihen, zappeln auf ihren Stühlen, verknoten sich zum Familienknäuel, verbeissen sich in tollwütiger Liebesgier. Der Anlass zu alledem: Die krebskranke, tablettensüchtige, boshafte Violet (Birgit Bücker) hat ihre drei Töchter, die Enkelin und ihre Schwester zu sich gerufen. Denn das Familienoberhaupt Beverly (Hans Jürg Müller), pensionierter Professor, Dichter und Alkoholiker, ist verschwunden und wird nicht mehr lebend zurückkommen (als Geist spaziert er trotzdem mit Echo-Stimme sarkastisch zwischen den anderen herum). Der Missmut steht den erwachsenen Töchtern im Gesicht: Die hysterische Barbara (Diana Dengler), die von ihrem Mann wegen einer Studentin verlassen worden ist; die verunsicherte Karen, deren Machofreund mit Barbaras 14-jähriger Tochter herummacht; Ivy (Anja Tobler), das Mauerblümchen, das von Violet als «Lesbe» gedemütigt wird. Die Schwestern haben sich auseinandergelebt. Das Indianermädchen Johnna, von Beverly als Rache an der rassistischen Violet als Haushalthilfe angestellt, wird zum Katalysator des Desasters. Denn das Trauma dieser Familie ist zugleich das Trauma einer rassistischen Nation.

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler@tagblatt.ch

Mi/Fr, 7./9.6., 19.30 Uhr