THEATER: «Dieses Irrenhaus ist mein Zuhause»

Letzte Schauspielpremiere der Saison im Theater St. Gallen: Wojtek Klemm inszeniert das mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete amerikanische Familiendrama «Eine Familie» aus dem Jahr 2007 als grosses Kunststück: Beklemmend und gleichzeitig federleicht.

Hansruedi Kugler
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Diana Dengler als eine der Preston-Töchter vor dem Möbelturm. (Bild: Iko Freese/Theater St. Gallen)

Diana Dengler als eine der Preston-Töchter vor dem Möbelturm. (Bild: Iko Freese/Theater St. Gallen)

Hansruedi Kugler

Was für ein grandioses Bühnenbild! Zur grotesken Skulptur aufgetürmt: Kleiderschrank, Backofen, Sofa, Kommode, Tisch, Badewanne, Fernseher – und zu- oberst ein blauer Fauteuil. Dort oben, in schwindelerregender Höhe, hockt Beverly Weston (Hans Jürg Müller). Nein, er thront wie ein melancholischer Zeus. Es ist seine Abschiedsvorstellung. Zeus, der griechische Göttervater, schickte einst seinen Blitz verheerend zur Erde. Weston, der pensionierte Professor und gescheiterte Lyriker, schickt zielgenau das Indianermädchen Johnna (Jessica Cuna) als Haushalthilfe in seine eigene Familie und verschwindet dann – auf dass dieser Dampfkochtopf, in dem nationale und familiäre Traumata köcheln, explodiere. Man hält den Atem an, als Müller das Sinnbild der Hierarchie und familiären Erstarrung herunterkraxelt. Man ist begeistert von der Bildsprache: wie die andern Familienmitglieder wie Ameisen auf die Bühne kriechen und einer nach dem anderen stumm die mühsame Kletterpartie zum Familienthron in Angriff nimmt – ein Wettlauf, den das Indianermädchen gewinnt. Was für eine grossartige, bildstarke Ouvertüre!

Das Verschwinden des Vaters hat sie versammelt

Beschädigt sind sie allesamt, die dann im grossen Kreis mit viel Abstand auf ihren Stühlen sitzen. Jede und jeder hat seinen Tick: hysterisch, verklemmt, boshaft, ignorant, herrisch, vergrämt, neidzerfressen. Das ist zwar alles etwas amerikanisch getönt, aber nie unwahrscheinlich. Sie zappeln unter ihren Cowboyhüten, in ihren T-Shirts mit «God Bless America». Nach dem Platzen ihrer Lebensträume, nach Ehebruch, Scheidung und Inzest haben sie sich mit Tabletten oder Alkohol betäubt oder kippen zeitweise in die Psychiatrie. Versagensangst, Lebensüberdruss und ungestillte Sehnsüchte beherrschen ihre Seelen. Zu Loyalität und Freundschaft sind sie nicht fähig. Das Verschwinden des Vaters hat sie versammelt, die Familienschlacht kann losgehen. Die drei Töchter (Tschechow grüsst mit seinen drei Schwestern, die auch aus der Enge der Provinz flüchten wollten) waren von den Eltern und deren selbstzerstörerischer Boshaftigkeit geflohen, die einen an Edward Albees Zimmerschlacht in «Wer hat Angst vor Virginia Woolf?» erinnert. Tracy Letts' Stück führt eine lange literarische Tradition des Familiendesasters fort.

In der Familie spiegelt sich das Trauma der USA

Fast drei Stunden dauert das Stück. Drei Stunden, die auch in den vielen leisen, stummen Passagen nie langatmig werden. Das liegt am Stück, das einen klassisch eleganten Spannungsbogen schlägt, das die Konversationsschlacht der Generationen und Geschwister mit atemberaubend klaren Sätzen führt und das im grausamen indianischen Sonnentanz eine schockierend intensive Metapher gefunden hat für die tiefe Opferthematik in dieser Familie. Eine Metapher, die auch das quälende Trauma einer Nation aufreisst, die sich zumindest in diesem Theaterstück aus dem Genozid an den Indianern, der Mordlust an den Wildtieren und auf einem immer noch brodelnden Rassismus aufbaut. Fesselnd, wie die Macht- und Emanzipationskämpfe, wie Egoismus und Schuldgefühle innerhalb der Familie die Probleme einer ganzen Nation widerspiegeln. Wojtek Klemms Inszenierung aber – und das ist das Wichtigste – hebt staunenswert die bleischwere Last in kunstvolle Leichtigkeit. Alles ist hier ins Bild, in Bewegung, in Tanz, in Geste und vor allem in bittere Komik umgesetzt. Mal hocken die Schwestern, Schwager und Enkel vereinzelt mit ihren Ticks auf Stühlen im Kreis, mal tanzen sie einen indianischen Ringelreihen, bilden einen riesigen Knäuel, klettern auf die Möbelskulptur.

Und zum wiederholten Mal schaut man einem Ensemble zu, das einen schweisstreibend sportlichen Abend mit ansteckender Lust spielt: Diana Dengler etwa bringt die hysterische Barbara zum Zappeln, Oliver Losehand knallt sich als verdruckster Charles wiederholt an die Schranktür, Birgit Bücker macht aus der vermeintlich dementen Mutter einen bösartigen Racheengel. Man hat ein überraschendes, choreografisch überzeugendes, bildstarkes Ende einer Schauspielsaison gesehen, die in manchen Inszenierungen etwas gar verspielt, aber nie belanglos war. «Eine Familie» setzt damit einen nachhaltigen Schlusspunkt.

Weitere Vorstellungen: 7. und 9. Juni, 19.30 Uhr