THEATER: Die miesen, effizienten Tricks der Macht

Leichtes Spiel haben zwei Alphamännchen in Pere Rieras politischem Kammerspiel «Unter Verschluss» gegen die Frau auf Wahrheitssuche. Zu schnell versinkt deren Angriffslust in den weichen Teppichschlingen der Bregenzer Inszenierung.

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Die Journalistin Sílvia Utgés (Judith van der Werff) wird sehr schnell schachmatt gesetzt. (Bild: PD/Anja Koehler)

Die Journalistin Sílvia Utgés (Judith van der Werff) wird sehr schnell schachmatt gesetzt. (Bild: PD/Anja Koehler)

Noch ist sie nicht auf Sendung; der Mann, dem sie gleich unangenehme Fragen stellen wird, lässt auf sich warten. Sie würde gern energisch auftreten, forsch und ein bisschen aufreizend. Mit den Absätzen ihrer hohen Schuhe klappern, als Selbstermutigung und Warnsignal. Denn in der Handtasche hat die TV-Journalistin Sílvia Utgés (Judith van der Werff) Material, das ihren Interviewpartner ins Schwitzen bringen muss: Fotos, von Gegnern zugespielt, auf denen Präsident Victor Bosch in eindeutiger Situation mit einer Vierzehnjährigen zu sehen ist.

Die Gerüchte kochen bereits hoch; das Live-Interview kann die Karriere des Präsidenten beenden, jene der Journalistin noch voranbringen. Es kann den Politiker, bislang ein Hoffnungsträger, retten vor dem Absturz. Oder aber beiden schaden. «Das Einzige, was mir Sorgen macht», beteuert Sílvia Utgés im Vorzimmer der Macht, «ist, den Respekt meiner Zuschauer zu verlieren.» Dabei tappt sie, fast wie in Filzpantoffeln zu Hause im Wohnzimmer, über den weichen, jedes Geräusch schluckenden dunkelbraunen Wollteppich. Die hohen Absätze versinken sanft darin. Ins Schlingern gerät die hochprofessionelle Frau jedoch schon in den ersten Minuten durch den zweiten Mann im Spiel, Pressesprecher Cáceres – er versteht es, mit tadellosen Manieren und korrekter Glätte die Fäden zu ziehen.

Professionelle Glätte auf Designer-Schleudersitzen

Ausstatterin Mira König hat den Schauplatz des politischen Kammerspiels «Unter Verschluss» stilsicher möbliert: zwei Chromstahl-Leder-Stühle, nach hinten schwingend – elegante Schleudersitze für selbstbewusste Leistungsträger. Ein Beistelltisch für Wassergläser. Und nicht zuletzt der dicke Teppich. Der goldgerahmte Baldachin über der studiokompatiblen kargen Sitzgruppe lässt sich schräg stellen – ein minimaler Dreh ins Live-Format des Fernsehinterviews; das Publikum in den ersten Reihen sieht sich dabei im Spiegel. Die Journalistin hat zu diesem Zeitpunkt längst ihre Trittsicherheit verloren: Gegen zwei Machos und deren fiese kleine Machtmanöver verlieren die handfesten Beweise in der Tasche an Schlagkraft.

Das Stück des Katalanen Pere Riera, entstanden 2006, kommt unter der Regie von Maik Priebe zur rechten Zeit erstmals in Österreich auf die Bühne: eine Woche vor der Nationalratswahl. Es braucht aber aktuellen Bezug keineswegs. Man kennt die politischen und menschlich miesen Manöver zu Genüge: Enthüllungen, peinliche Fragen, mehr oder minder geschickte Tricks, aus einer Affäre herauszukommen. Das Stück lebt in der Bregenzer Inszenierung von Verbalattacken in professioneller Glätte und Effizienz. Judith van der Werff, Christoph Jacobi und Timo Weisschnur zeichnen ihre Figuren klar und präzis, ohne ins Überdeutliche zu geraten – die Offenheit bis zum Schluss ist eine Qualität des Stücks. Schwer erträglich aber ist die sexistische Konstellation, die Süffisanz, mit der die «ehrgeizige Frau» mattgesetzt wird. Schon in den ersten fünf Minuten.

Bettina Kugler

bettina.kugler

@tagblatt.ch

Weitere Vorstellungen: 18.10., 21.10., 27.10., 2.11., 19.11., 19.30 Uhr, Vorarlberger Landestheater, Bregenz