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THEATER: Die Frage nach Gott wird gestellt

Elfriede Jelineks 2016 uraufgeführtes Stück «Wut» beeindruckt auf der Werkstattbühne des Konstanzer Theaters durch eine packende, genau geführte Inszenierung und gute Schauspielkunst.
«Wer wir sind?» – Die Ensemblemitglieder stellen die Frage auch dem Publikum. (Bild: Ilja Mess)

«Wer wir sind?» – Die Ensemblemitglieder stellen die Frage auch dem Publikum. (Bild: Ilja Mess)

«Es fürchte die Götter das Menschengeschlecht.» Goethes «Iphigenie» steht Pate bei «Wut» von Elfriede Jelinek – allerdings nicht eins zu eins. Denn nun sind es die Götter, denen es vor der Menschheit graut; die Aufforderung an die Menschen, sich dem Willen der Götter zu unterwerfen – und damit idealerweise einer allzeit gültigen Moral –, ist obsolet geworden.

Jelinek hat das Stück «Wut» als Reaktion auf die Pariser Anschläge auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» und den koscheren Supermarkt geschrieben. Uraufgeführt wurde es in den Münchner Kammerspielen 2016.

Das Publikum kann sich kaum entziehen

In einer straff komponierten, genau geführten Inszenierung von Claudia Meyer ist es nun auf der Werkstattbühne des Konstanzer Theaters angekommen. Bereits die Nähe zwischen Bühne und Publikum packt hier, und die Bühne von Konstantina Dacheva tut ein Übriges: Graue Mauern mit gotischen Fensterbögen, die arabisch-ornamental vergittert sind, davor ein kleiner Platz mit Stufen, der wie die Agora einer griechischen Polis als Versammlungsplatz dient. Für das Publikum nicht sichtbar Rampen, über welche die Akteure nach unten im «Nichts» verschwinden können. Anspielungen auf kulturelle Traditionen gibt es also zuhauf, darinnen zwei Männer und zwei Frauen, die den sehr heutigen sprachlichen Klangteppich, den Elfriede Jelinek entworfen hat, mit viel Gespür für die Kunst der Sprache ausbreiten.

«Wer wir sind?» Sie stellen die Frage gleich zu Anfang, am Bühnenrand, wo sie in ihren schwarzen Gewändern stehen und das Publikum damit in die Frage einbeziehen. Konkret stehen dort zwar Katrin Huke, Jana Alexia Rödiger, Ralf Beckord und Sebastian Haase, aber wollte man die aussergewöhnliche Leistung dieser Ensemblemitglieder nicht würdigen wollen, wäre die Versuchung gross zu sagen: Hier steht die Menschheit, ihre Vergangenheit und vor allen Dingen dieser jetzige Zustand, der in seinen Irritationen kaum zu beschreiben, noch gar erschöpfend zu fassen ist. Demnach gibt es im Stück auch keine Handlung oder eine Katharsis, es ist eine Mischung aus Zustandsbeschreibung und offenen Fragen.

Beunruhigende Selbstermächtigung

Leitmotivisch wird die Frage nach Gott gestellt, nach seiner «Funktion». Nach den Verirrungen im Fundamentalismus, wo im Namen je einer Gottheit der eine oder der andere gemordet wird. «Wir brauchen Gott nicht, glauben Sie mir!», wird chorisch wiederholt eingestreut, wobei sich einmal erleichtert applaudieren liesse (wenn das Göttliche mit der Kalaschnikow in Verbindung tritt), dann aber auch Schaudern hervorgerufen wird. Dann, wenn es um die «Selbstermächtigung» des heutigen Menschen geht. Wobei sein Narzissmus, Selfies zu machen, sich harmlos ausnimmt gegenüber der Ermächtigung, selbst zu entscheiden, wer als Mensch akzeptiert und wer umgebracht wird: «Wir töten euch, ihr tötet uns.»

Die packende Inszenierung setzt die unterschiedlichen Perspektiven überzeugend um. Sie lässt den Zuschauer nicht in einem beliebigen Einerlei versinken, sondern fokussiert immer wieder neu, was dank des Könnens der Schauspielerinnen und Schauspieler bestens gelingt. Grosse Schauspielkunst vor allem auch in der Sprache, so dass man beinahe etwas erschrocken sein darf, wie grausame, existenzielle Fragestellungen mit einer derartigen Ästhetik daherkommen können. – Langer Applaus.

Brigitte Elsner-Heller

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

Weitere Vorstellungen: 7.2.–9.3., Theater Konstanz, Werkstatt theaterkonstanz.de

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