Theater dämonisiert Roger Köppel

Aufforderung zur Bösartigkeit gehört eigentlich nicht zu den Stilmitteln des Theaters. Dachte man bisher. Doch gestern lud das Zürcher Neumarkt Theater zu einer «Kunstaktion» ein. Seither stellt sich die Frage, ob man einem politischen Gegner einen Autounfall wünschen darf.

Hansruedi Kugler
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Aufforderung zur Bösartigkeit gehört eigentlich nicht zu den Stilmitteln des Theaters. Dachte man bisher. Doch gestern lud das Zürcher Neumarkt Theater zu einer «Kunstaktion» ein. Seither stellt sich die Frage, ob man einem politischen Gegner einen Autounfall wünschen darf. Genau dazu verleitet nämlich ein Online-Fragebogen des Theaters. Am Freitagabend werde die Berliner Aktionsgruppe Zentrum für Politische Schönheit den Nachweis erbringen, dass «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel besessen sei vom Geist des Nazi-Propagandisten Julius Streicher, dem Herausgeber des Hetzblattes «Der Stürmer». Vor Ort werde der «politische Exorzist Reto Bastian de Samoto Roger Köppel vom Geiste Julius Streichers befreien», schreibt das Neumarkt Theater in seiner Mitteilung.

«Aggressiver Humanismus»

Die Künstlergruppe hat gemäss der Medienverantwortlichen des Theaters, Julia Kamperdick, freie Hand für die Kunstaktion bekommen. Die Gruppe Zentrum für Politische Schönheit ist in Berlin mit Aktionen aufgefallen, die auf provokative Weise Menschenrechtsverletzungen anprangern. So rief die Gruppe 2012 dazu auf, Waffenfabrikanten zu denunzieren, damit sie den Saudis keine Panzer verkaufen. Auf einem Fahndungsplakat versprach die Gruppe: «Belohnung: 25 000 Euro». Vor zwei Jahren stellten die Aktivisten mit der «Kindertransporthilfe des Bundes» ein Rettungsprogramm für syrische Kinder auf die Beine. 2015 wurde mit der Aktion «Die Toten kommen nicht» der Opfer der Abriegelung Europas gedacht. «Sturmtruppe des aggressiven Humanismus» lautet das Konzept der Aktionskünstler.

Auswahl übler Verwünschungen

Mit der Aktion gegen Roger Köppel, der die «Weltwoche» in ein «hassversprühendes Propagandablatt der SVP transformiert» habe, ist die Gruppe erstmals in der Schweiz aktiv und schwingt gleich die ganz grosse Nazi-Keule. Durch die Wiederholung der hysterischen Köppel-Verdammung wird dieser Vergleich aber nicht wahr. Wenn man einen politischen Gegner zum Dämon erklärt, ist dies in der Regel ein Reflex des argumentativen Versagens. Eine Bankrott-Erklärung ist schliesslich die Online-Abstimmung der Kunstaktionisten: dort könne «darüber abgestimmt werden, welches Schicksal Roger Köppel ereilen soll.» Zur Auswahl stehen nebst erwähntem Autounfall Bösartigkeiten wie «Ebola, Impotenz, Blitzeinschlag.» Eine solche Abstimmung ist widerwärtig und heimtückisch. Sie stellt eine Falle: Per Mausklick stürzt man in die Fallgrube übler Ressentiments und eigener Bösartigkeit. Strafbar sei eine solche Online-Abstimmung nicht, sagt die Medienverantwortliche: «Es ist eine Kunstaktion, die darf provozieren.» Man muss ihr entgegnen: Menschenrechte darf man nicht mit Füssen treten, auch wenn es jene des politischen Gegners sind. Wer klickt, wird sich später schämen. Wäre das Ganze ein Theaterstück, wäre vielleicht dies die Lehre: Dass Wutbürger das Schämen lernen.