THEATER: Biblische Frauen als Westernheldinnen

In «Rut. Die Freundin der Lieblichen» geht es um zwei Frauen auf der Flucht. Katrin Hentschel inszeniert das Stück des Konstanzer Theaterintendanten Christoph Nix mit einer ordentlichen Portion Anarchie.

Drucken
Teilen
Die Westernheldinnen (Katrin Huke und Jana Alexia Rödiger) tragen das Mieder von Saloon-Schönheiten und Cowboystiefel. (Bild: Bjørn Jansen)

Die Westernheldinnen (Katrin Huke und Jana Alexia Rödiger) tragen das Mieder von Saloon-Schönheiten und Cowboystiefel. (Bild: Bjørn Jansen)

Krieg und Hunger haben die Menschen wohl schon immer auf die Flucht getrieben. Es scheint eine Konstante der Menschheitsgeschichte zu sein. Was wäre in unserem Kulturkreis ein schlagkräftigerer Beleg für eine solch umfassende Behauptung als das Alte Testament. Das Buch Rut handelt von zwei Frauen auf der Flucht. Von der Israelitin Noomi, die Jahre zuvor von Bethlehem ins Nachbarland Moab floh, und von Rut, ihrer moabitischen Schwiegertochter, die nun umge-kehrt ihr Zuhause verlässt, um mit Noomi nach Bethlehem auszuwandern.

Christoph Nix, Intendant des Konstanzer Stadttheaters, hat die alttestamentarische Migrationsgeschichte auf die Bühne gebracht. Er hat die 85 biblischen Verse in eigene Verse gegossen, vermeintlich theatertauglich gemacht, ohne sie für uns Heutige speziell aufzubereiten. «Rut. Die Freundin der Lieblichen» heisst sein Stück, das unter der Regie von Katrin Hentschel auf der Werkstatt-Bühne in Konstanz seine Uraufführung hat.

Christoph Nix ist keiner, der es sich und seinen Mitmenschen einfach macht. So auch nicht mit seiner «Rut», die verklausulierter daherkommt als die Zeilen im über dreitausend Jahre alten Text. Regisseurin Hentschel rückt der Nixschen Bearbeitung grundsätzlich zu Leibe. O-Töne von Fluchtschicksalen rahmen die Inszenierung, als müssten sie alles zusammenhalten. Dazwischen herrscht interpretatorische Anarchie. Die biblischen Frauen sind bei Hentschel so etwas wie Westernheldinnen, die oben ­herum das Mieder von Saloon-Schönheiten tragen und unten herum Reithosen und Cowboystiefel. Dazu erklingt auch schon mal das Motiv aus «Spiel mir das Lied vom Tod». Der für Bühne und Kostüme zuständige ­Norbert Bellen hat die Bühnenrückwand mit einem Glitzervorhang verhängt. Die eingespielten Videos, ob die Szenen von gescheiterten Fluchten übers Mittelmeer oder die westernaffine Wüstenlandschaft, bekommen so einen ästhe­tisierend verstörenden Effekt. Der rote Faden, der durch den Bühnenraum gezogen wird, liegt bald zerrissen am Boden.

Christoph Nix hat vor der Vorstellung gesagt, dass er keinerlei Einfluss auf die Inszenierung genommen habe. Ob sie so ausgefallen wäre, hätte er es getan – na ja. So wurde das Publikum Zeuge einer teilweise sogar sehr komischen Rebellion gegen einen Text.

Maria Schorpp

Hinweis

Nächste Vorstellung am 25. April.