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THEATER: Auch kleine Eier haben einen gelben Dotter

Von zwei ungleichen Schwestern handelt Katja Baumanns neues Stück, von Bewunderung und Ablehnung, Hinfallen und Aufstehen, von Kopf- und Herz-Wissen. «Grosse kleine Schwester» war bereits in Weinfelden zu sehen.
Katja Baumann: «Es braucht doch auch solche wie mich.» (Bild: PD)

Katja Baumann: «Es braucht doch auch solche wie mich.» (Bild: PD)

«Niemand hat mein Gesicht dahin gedreht, wo es etwas zu sehen gab», sagt Bigle. «Ich habe nichts zu bieten.» Harsche Sätze sagt die kleine Schwester zur grossen Schwester. Dabei … auf der Bühne ist die kleine Schwester lebensgross und die grosse Schwester hockt als Puppe in einer grünen Kiste. Nur am Schluss wird Lili gefühlt überlebensgross und verströmt ihre kühle Schönheit.

«Grosse kleine Schwester» ist von einer bittersüssen Poesie, zu der die Ansteckknopfpress­maschine einen klackenden Takt schlägt. Jedes Mal, wenn Bigle mit den wilden Haaren den Hebel niederdrückt, schnellen unter dem Tisch ihre nackten Füsse hoch. Wohl hundert Mal jeden Tag, seit Jahren schon. Tief im Keller ar­bei­tet Bigle, umgeben von lauter Lieferschachteln, über denen die grüne Kiste thront.

Sprichwörter erfinden für die Ansteckknöpfe

Und wenn es wieder aus der Kiste qualmt, wenn Lili wieder auf dem WC geraucht hat, öffnet die kleine Schwester die Kiste und redet mit ihrer grossen Schwester, die so schöne rote Haare hat und in der Schule viel konzentrierter ­ge­wesen war als sie. Bigle be­wundert Lili noch immer, aber da ist auch ein leises Klagen, ­vielleicht ein Groll, etwas Neid. Bigle hätte auch gern einen Nagellack, einen, der duftet. Lili hat eine rauchige, schleppende Züri­schnure, Bigle einen hellen, spritzigen Dialekt.

Links hängt ein Bildschirm mit auswechselbaren Bildern. Erst eine Gruppe Männer in Weiss, dann Bilder von Venedig. Die Stadt ist dem Untergang geweiht, die Stadt ist auf unsicherem Grund gebaut. «Sie geht still und langsam unter.» So, wie ­Bigle sich selbst empfindet, wenn sie ratlos ist und Lili fragt: «Was kann ich? Was bin ich?» Um sich gleich wieder zu wehren: «Du bist so gut – aber es braucht doch auch solche wie mich, oder nicht?»

Und ob! Bigle erfindet laufend neue Sprichwörter für ihre Ansteckknöpfe: «Wie man sich bettet, so arbeitet man.» Klack! «Der frühe Vogel … Da fehlt etwas. Das wurmt.» Klack! «Die Unsicherheit des Menschen ist die grösste Qual.» Klack! Und jetzt zornig: «Auch kleine Eier haben einen gelben Dotter.» Klack!

«Hör auf, auf andere zu hören, und geh hinaus»

Und dann zu Lili: «Ich brauche dich nicht!» Doch Lili antwortet ihr ruhig: «Bei allen fehlt etwas, darum sind wir füreinander da. Hör auf, auf andere zu hören. Geh hinaus, das Leben kommt von vorne. Sei froh, bist du anders.» Letzte Szene. Lili – jetzt als lebensgrosse Puppe – kommt gerade vom Chefarzt, muss aber wieder los. «Luegsch chli», sagt sie zu Bigle. «Ja», sagt Bigle und hört auf zu arbeiten.

Katja Baumann ist Puppenspielerin und Schauspielerin. Sie nimmt sich viel Zeit für ihre ­Stücke. Nach «Rosen für Herrn Grimm» (2008) über einen dementen Mann und seine Pflegerin und «Im Bett mit Sisyphos» (2012) über ein ungleiches Paar, hat sie diesen Frühling ihr drittes Solostück geschrieben; Regie führt erneut Ueli Bichsel.

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Hinweis

Spieldaten: nordart.ch

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