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THEATER: Auch Europäer sind Flüchtlinge

Mit den gleichberechtigten Elementen Theater und Tanz bringt Regisseurin Katja Langenbach einen historischen Roman über Flucht, Anna Seghers’ «Transit», auf die St. Galler Lattich-Bühne.
Martin Preisser
Katja Langenbach nimmt sich des Flüchtlingsthemas aus historischer Sicht an. (Bild: Benjamin Manser)

Katja Langenbach nimmt sich des Flüchtlingsthemas aus historischer Sicht an. (Bild: Benjamin Manser)

Martin Preisser

martin.preisser

@tagblatt.ch

Grosse blaue Netze, in denen sich die Akteure auf der riesigen Bühne der Lattich-Halle verfangen können, erinnern natürlich sofort an die Flüchtlinge, die auf Schlauchbooten den Weg übers Mittelmeer nach Europa suchen und viel zu oft – und vor allem viel zu oft nicht mehr am Leben – aus dem Wasser gefischt werden.

Anders als derzeit viele deutsche Bühnen bringt Regisseurin Katja Langenbach kein neues oder dokumentarisches Stück zum Thema Flucht auf die Bühne, sondern einen historischen Stoff. «Der Blick zurück lehrt, vorsichtiger mit den oft populistischen Reflexen beim aktuellen Flüchtlingsthema umzugehen», sagt die Theaterfrau, die vor zwei Jahren am Theater St. Gallen Max Frischs «Andorra» inszeniert hat. Jetzt nimmt sich die deutsche Regisseurin, die mit ihrem Partner und ihren beiden Kindern inzwischen in St. Gallen sesshaft geworden ist, des Romans «Transit» von Anna Seghers an. Es ist Katja Langenbachs erste Arbeit als freie Regisseurin in St. Gallen. Anna Seghers, im Nazi-Regime verfemt und 1983 in Ost-Berlin gestorben, hat vor allem mit ihrem Buch «Das siebte Kreuz» Berühmtheit erlangt. Sie musste als Jüdin 1941 vor den Nationalsozialisten ins Exil nach Mexiko fliehen. «Transit» gilt als wichtiges Werk der Exilliteratur.

Mit der Identität eines Toten

Die Romanbearbeitung für die Theater- und Tanzbühne soll eine «Erkundung» sein und will das Thema Flucht als universelles Phänomen verstanden wissen. «Über die Distanz kommt man den Konflikten näher, und in historischem Licht treten die eigenen Befindlichkeiten beim Thema Flüchtlingskrise in den Hintergrund», unterstreicht Katja Langenbach nochmals ihren Ansatz. Zwei Schauspieler (Martin Carnevali und Alexandre Pelichet), eine Tänzerin (Hella Immler) und eine Bühnenkünstlerin, die beides beherrscht (Marta Rosa), bestimmen das Stück um den Protagonisten Franz. Dieser verschafft sich in Paris mit den Papieren eines Toten eine neue Identität und verliebt sich in die Frau des Toten, Marie, die ihren Mann immer noch verzweifelt sucht. Franz aber verschweigt ihr die wahre Geschichte.

Anna Seghers beschreibt das Schicksal in Marseille als damals letztem freiem Hafen, den Kampf um die rettenden Papiere, die existenzielle Bedrohtheit und Brüchigkeit, den Zustand des Wartens mit einer bildreichen, poetischen, oft aber auch grotesken, bisweilen fast kafkaesken Sprache. «Das Trauma der Flucht ist ein archetypisches Thema», sagt Katja Langenbach. «Das Stück zeigt für einmal die Europäer auf der Flucht – ein spannender Paradigmenwechsel.» Anna Seghers beleuchte nicht nur die Zustandlichkeit des Flüchtenden, des Protagonisten mit seiner quasi kernlos gewordenen Persönlichkeit, sondern stelle die Frage nach der eigenen Identität. Das Flüchtlingsthema über eine historische Begebenheit aufzurollen, verringere für den heutigen Theaterbesucher die Gefahr der falschen Identifikation.

Assoziativ an ein Stück herangehen

Tanz und Theater sind im Stück gleichberechtigt, die Formen gehen teilweise ineinander über. Die Romanvorlage hat Langenbach mittels der sogenannten Viewpoints-Technik nach Anna Bogart für die Bühne adaptiert. Das ist eine Art von Improvisations- und Wahrnehmungstraining, entstanden aus einer Methode der Bewegungsimprovisation. Die Viewpoints-Technik erlaubt einen assoziativen Zugang der Tänzer und Schauspieler an die Szenen, die mehr motivisch als chronologisch gedacht einstudiert werden. Körper, Raum und Zeit sind dabei wichtige Koordinaten, um ein Stück sich vielschichtig auf der Bühne entwickeln zu lassen. Katja Langenbachs neue Inszenierung wird bereits von anderen Theatern gebucht. «Transit» wird nach St. Gallen auch in Konstanz, Ulm und in Rumänien zu sehen sein.

Aufführungen: 24.–27. 8., je 20.30 Uhr, Lattich-Quartier (Raum für die Künste), St. Gallen; lattich.ch

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