THEATER: Altweibersommer der besonderen Art

In «Altweiberfrühling» kommen «Die Herbstzeitlosen» als Bühnenstück nach Bottighofen. Eine liebevolle Komödie mit viel Musik, die davon erzählt, wie sich eine alte Frau ihren Jugendtraum erfüllt und dabei mit Konventionen bricht.

Severin Schwendener
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Martha (Barbara Kesseli, links) und ihre Freundin, die quirlige Lisi (Gisela Stern Konrad). (Bild: Donato Caspari)

Martha (Barbara Kesseli, links) und ihre Freundin, die quirlige Lisi (Gisela Stern Konrad). (Bild: Donato Caspari)

Severin Schwendener

Sie ist der ganzen Schweiz ein Begriff geworden, die Geschichte der verwitweten Martha, die im hohen Alter ihr Dorflädeli in eine Boutique für Reizwäsche verwandelt und damit die prüde Dorfwelt vor den Kopf stösst. «Die Herbstzeitlosen» mit Stephanie Glaser in der Hauptrolle war einer der erfolgreichsten Schweizer Spielfilme. Nun bringt die Zentrumsbühne Bottighofen den Stoff unter dem überaus passenden Titel «Altweiberfrühling» auf jene Bretter, die in mehrerer Hinsicht die Welt bedeuten.

Es ist eine Geschichte, die überall und jederzeit nicht nur stattfinden könnte, sondern leider auch stattfindet: nach dem Tod ihres Mannes versinkt Martha (Barbara Kesseli) in Trauer, während sich die nächste Generation mehr auf die weltlichen Aspekte des Trauerfalls fokussiert. Marthas Dorflädeli ist verwaist, ihr Sohn, der Gemeindepfarrer (René Walther), möchte seine Bibelgruppe dort einquartieren, der Gemeindepräsident (Raphael Tanner) darin seine Parteiversammlungen abhalten. Die beiden regeln die Zukunft des Lokals, ohne sich um die Ansichten oder gar die Zustimmung der alten Frau zu scheren. Dass ebendiese Alte den beiden Jungen gemeinsam mit ihren Freundinnen einen Strich durch die Rechnung machen und das ganze Dorf mit einer Dessousboutique provozieren wird, ist für eine gute Komödie sozusagen ein Muss.

Samt «Kiosk», «Hemmige» und «Yesterday»

Regisseurin Astrid Keller möchte das Stück auch als Hinweis auf das gestörte Verhältnis zwischen den Generationen verstanden wissen, als Mahnung vor der zunehmenden Entmündigung und Verdrängung der Alten. Mit einem Griff tief in die Klischeekiste beleuchtet das Stück auch die Doppelmoral der Gesellschaft: Der Gemeindepräsident umgarnt die Alten mit einem «Buurezmorge», steckt aber den eigenen Vater gegen dessen Willen ins Heim; der Dorfpfarrer schwingt die Moralkeule und hält sich eine Geliebte.

Mehr noch als eine Gesellschaftskritik ist «Altweiberfrühlung» aber ein Plädoyer dafür, eigene Träume zu verwirklichen, und zwar unabhängig vom Alter. Die vier charmanten alten Damen in den Hauptrollen fassen den Mut dazu und gewinnen damit die Herzen des Publikums. Man schliesst sie ins Herz, die quirlige Lisi (Gisela Stern Konrad), die vornehme Frieda (Lisa Mattle) und das Heimchen Hanni (Viola Seydel), die ihre Freundin Martha bei der Verwirklichung ihres Jugendtraums nach Kräften unterstützen und dabei ihr eigenes Glück finden. Wie im richtigen Leben zeigt sich auch in «Altweiberfrühling», dass jene, die ihren eigenen Träumen nachgehen, anderen grosszügig ihr Glück gönnen. Die verklemmten Dörfler dagegen, die eine Fassade leben, missgönnen den alten Weibern ihr Glück und wollen es zerstören.

Untermalt wird Marthas Geschichte mit einem ordentlichen Schuss Musik – auf der Bühne wird getanzt und gesungen. Polo Hofers «Kiosk» darf dabei genauso wenig fehlen wie «Yesterday» von den Beatles oder «Hemmige» von Mani Matter. Die Musik trägt die Emotionen von der Bühne ins Publikum, sie kommt laut Astrid Keller immer dann zum Zuge, wenn die Sprache zu Ende ist. An der Premiere jedenfalls hat das Rezept hervorragend funktioniert: das Publikum hat mit den alten Weibern mitgefiebert und gegen den heuchlerischen Gemeindepräsidenten und den doppelzüngigen Pfarrer eine derartige Aversion entwickelt, dass die beiden gegen Ende des Stücks ausgepfiffen und durch puren Lärm am Reden gehindert wurden. Darum muss gerade diesen beiden für die glaubwürdige Darstellung ihrer Rollen ein Kränzchen gewunden werden – einen unsympathischen Charakter zu verkörpern ist immer eine Herausforderung.

Liebevoller und kritischer Blick auf uns selbst

Im Kern bleibt «Altweiberfrühling» jedoch sympathisch und damit das, was «Die Herbstzeitlosen» war: Eine spritzige Komödie über das dörfische Leben in der Schweiz, ein mit Ironie und Wortwitz angereicherter, gleichsam liebevoller wie kritischer Blick auf uns selbst. Das Stück spielt mit Vorurteilen und erzählt vom Aufbrechen verkrusteter Konventionen, ohne ein einziges Mal den Mahnfinger zu heben. Die Botschaft ist eine positive, das Ziel, eigene Träume zu verwirklichen, ein hehres. Es fällt leicht, sich mit den Damen im Geiste zu verbrüdern, sich mit ihnen zu amüsieren, wenn die eine einen kleinen Striptease bietet oder sie über die verstockten Männer im Dorf witzeln.

Von daher darf herzlich gelacht werden in Bottighofen, gerne aber auch nachgedacht, schliesslich bedeuten die Bretter, auf denen da gespielt wird, die Welt. Reizwäsche ist zwar heute kein Reizthema mehr, doch deren gibt es weiterhin genug – gerade auch in der Schweiz. Insofern hält «Altweiberfrühling» der Gesellschaft durchaus einen Spiegel vor, und wie das Spiegel so an sich haben, sieht man sich dabei nicht immer nur im besten Licht.

Weitere Aufführungen: 4.–26.1. zentrumbuehne-bottighofen.ch

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