Theater Aeternam am Eyes-On-Festival im Südpol: Tanzen, um zu überleben

In «They Shoot Horses, Don’t They?» nimmt sich das Theater Aeternam den zerstörerischen Auswüchsen der Leistungsgesellschaft an.

Stefan Welzel
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Die Kandidaten des darwinistischen Tanzwettbewerbes müssen an ihre Grenzen, um im Rennen zu bleiben.

Die Kandidaten des darwinistischen Tanzwettbewerbes müssen an ihre Grenzen, um im Rennen zu bleiben.

Bild: Ingo Höhn

In der Mitte der Bühne bilden quadratische Heuballen ein Viereck, darauf liegen Diskokugeln verschiedenster Grösse. Es ist Derby-, es ist Show-Time! Und wie Pferde beim Rennen vom Jockey im grossen Oval zum Ziel gepeitscht werden, drehen sich im Theaterstück «They Shoot Horses, Don’t They?» die menschlichen Teilnehmer eines Tanzwettbewerbes um das benannte Viereck. Zu Beginn der Inszenierung des Luzerner Ensembles Theater Aeternam läuft das noch in gleichförmigen, hypnotisierenden und repetitiven Bewegungen ab, später wird es zum darwinistischen «Rat Race», zum Rattenrennen, in dem die Kandidaten um ihr letztes Fünkchen Stolz gebracht werden.

Das Theater Aeternam mit Regisseurin Ursula Hildebrand und Autor Christoph Fellmann bringen einen Stoff des US-amerikanischen Schriftstellers Horace McCoy aus den 1930er Jahren auf die Bühne des Südpols. Damals fanden tatsächlich Wettbewerbe statt, bei denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einer Art Urform der heutigen Talentshows bis zur Erschöpfung tanzen mussten. Als Lohn wurden die überwiegend aus dem Prekariat rekrutierten Anwärter verköstigt. In Zeiten der grossen Depression Anreiz genug, um demütigende Strapazen auf sich zu nehmen.

Aufgeriebenes Prekariat

Fellmann und Hildebrand transferieren die Ausgangslage ins Hier und Jetzt und geben ihren Protagonisten, allen voran dem Tanzpaar Gloria und Hector, Ambitionen mit auf den Weg. Sie träumen davon, beim Film zu landen, berühmt zu werden. Währenddessen macht sich der zynische Moderator der Show unentwegt lustig über die Kandidaten, deren Träume sinnlos, weil letztlich derart realitätsfern sind. Die Unterhaltungsmaschinerie bedient sich beim arbeitslosen Menschenmaterial, das sich im Verdrängungskampf aufreibt und sich nicht einmal mehr darüber «empört, dass es kein Geld hat». Das ist beissende und kurzweilige Gesellschaftskritik, die leider nur zu gut in unsere derzeitige Situation passt.

Die Theatermacher setzen in dem Stück immer wieder auf drastische Brüche – lassen laute und chaotische Szenen auf einmal in lang anhaltende Stille münden. In diesen Phasen kann man sich zum Beispiel die Zeit nehmen, die süffisant und subtil vorgetragenen Monologe des Autors Fellmann in unterschiedlichsten Rollen der eigenen kritischen Sicht auf die Welt gegenüberzustellen. Zunächst erscheint er als Frau Leiden, ein angeblicher Fan der Show, der sich später als Shareholder und danach als Investor der falschen Bescheidenheit entledigt, wenn es um den angestrebten Profit geht. Später gesteht er als Pestdoktor, der durch die Zeit reist, wie er sich dem lebenslangen Lernen verschrieben hat. Muss er ja auch – bei all den Katastrophen, welche die Menschheitsgeschichte durchziehen.

Facettenreich und intelligent

Doch zurück zum Tanzmarathon. Dort produziert der Wettbewerb zunehmend seine Opfer. Unter der live eingespielten Musik von Martina Lussi hetzen die Paare irgendwann nicht mehr um die Heuballen (Bühnenbild und Ausstattung Nina Steinemann), um etwas zu gewinnen, sondern nur, um nicht Letzter, nicht abgehängt zu werden. So «surrt auf einmal der Überlebensmodus» – das tut er bis zum bitteren Ende. Und auch wenn sich das Stück bis dahin rund zweieinhalb Stunden (inklusive Pausen) hinzieht, wird uns beim Zusehen dieser intelligenten und facettenreichen Inszenierung nie langweilig.

«They Shoot Horses, Don’t They?», im Rahmen des Süpol-Festivals Eyes-On: Weitere Aufführungen am 17., 18., 19., 21. & 22. September um jeweils 19.30h, www.sudpol.ch