THEATER 111: Schönheit ist ein Menschenrecht

Gleich zwei Stücke mit Geflüchteten aus Eritrea, Tibet, Syrien, Afghanistan und Sri Lanka haben diesen Monat in St. Gallen Premiere: «Eine sprachliche Intensivstation», sagt Regisseur Pierre Massaux.

Bettina Kugler
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Segantini, Beethoven und das Hohelied der Naturliebe: Ein Stück mit multikultureller Besetzung nimmt Gestalt an. (Bild: Ralph Ribi)

Segantini, Beethoven und das Hohelied der Naturliebe: Ein Stück mit multikultureller Besetzung nimmt Gestalt an. (Bild: Ralph Ribi)

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

Das Buch hat auf ihn gewartet. Entdeckt hat es Pierre Massaux an einem Flohmarkt in Chur. Er erinnert sich: «Das war einer jener Tage, an denen man morgens aufwacht und intuitiv spürt: Heute passiert etwas. Heute begegnet mir etwas Bedeutendes, das mich weiterbringt.» Es war ein Band mit Schriften und Briefen des ­Malers Giovanni Segantini, 1909, zehn Jahre nach seinem frühen Tod im September 1899, von ­seiner Tochter Bianca veröffentlicht. Massaux fand darin einen Reichtum an Gedanken, der Segantinis Malerei kaum nach­steht. «Seine Schriften», sagt er, «sind ein Trampolin, das uns hilft, in die Schönheit und Liebe der Schöpfung einzutauchen.»

Für seine Schauspieler sind sie an diesem Probenmorgen zunächst ein Trampolin in die neue Woche – die letzte vor der Premiere ihres Stücks «Giovanni Segantini – Kunst ist Liebe in Schönheit gehüllt». Seit einem halben Jahr arbeiten sie mit Pierre Massaux und der St. Galler Schauspielerin Nathalie Hubler an vier Tagen in der Woche, einige von ihnen vor- und nachmittags. Sie tauchen dabei nicht nur in die Schönheit und Liebe der Schöpfung ein, sondern ganz elementar in eine ihnen bislang fremde Sprache. «Wir sind jetzt an einem Punkt angelangt, wo es schon von innen kommt», sagt Nathalie Hubler im Anschluss an die Probe.

Den Sprung in den Käfig wagen

2009 begann der gebürtige Belgier Pierre Massaux, mit Migranten und Flüchtlingen Stücke zu realisieren. «Le théâtre du sacré» nennt er sein soziokulturelles Grossprojekt. Auftraggeber der beiden aktuellen Arbeiten ist die Beratungsstelle für Flüchtlinge Appenzell Ausserrhoden. Unterstützung kommt zudem von Stiftungen und zahlreichen öffentlichen Amtsstellen, auch aus dem Kanton St. Gallen. «Wir wenden uns an Menschen, die Lust darauf haben, sich auf solche Texte und auf Theater einzulassen», sagt er. «Es braucht Mut, auf die Bühne zu gehen, den Sprung in den Käfig zu wagen.» Massaux glaubt, dass die Welt anders aussähe, wenn mehr Menschen es aus­probieren würden – und dies womöglich Tausende von Kilometern von ihrer Heimat und ihrer Muttersprache entfernt. «Wir schauen in unserer Gesellschaft oft zu einseitig auf Äusserlichkeiten», findet er. Für Integration brauche es aber mehr als eine Wohnung, einen Arbeitsplatz.

Wortschatz, ein alles andere als alltagssprachlicher Satzbau, Aussprache: Daran feilt die Gruppe Tag für Tag, geduldig und intensiv. Denn aufgewachsen sind die Mitwirkenden in Tibet oder Afghanistan, in Eritrea, Syrien, Sri Lanka. Nicht mit Musik von Beethoven, die jetzt zwischen ihrem Bühnentext vom Band kommt. Auch nicht mit Texten von Goethe und Shakespeare, wie sie im Stück «Und der Rest ist Schweigen» zusammengebracht werden mit Eugène Ionescos St. Galler Rede «Für Kultur, ge­gen Politik» aus dem Jahr 1979. Daran proben sie am Nachmittag.

Gedankenreichtum – und eine feste Tagesstruktur

Tsering Dongchentsang aus Tibet hat früher Tiere gehütet. «Jetzt hütet sie Menschen», sagt Pierre Massaux und lacht. «Sie ist unser Polizist.» Konzentriert und ruhig deklamiert sie auf der Bühne ihren Text. Hat jemand einen Hänger, hilft sie nach. Unterdessen kennt sie jede Silbe auswendig. Khalid Hassen und Fitsum Teklezghi sind ganztägig am Proben; sie stehen auch im Ionesco-Projekt auf der Bühne. «Anders als im Sprachkurs, haben wir hier Gelegenheit, stundenlang im Dialog zu lernen», sagt Khalid, «und wir haben eine feste Tagesstruktur, das ist gut.»

Zudem fasziniert ihn die geistige Weite der Texte, die sie gemeinsam ausmessen. Auch Pier­re Massaux staunt nach wie vor über deren gedanklichen Reichtum. «Man fragt sich bei der Lektüre der Schriften Segantinis oft: Woher hat er das alles? Er muss selbst viel gelesen haben; daraus hat er eigene Ideen entwickelt: eine Art Religion, die über den Religionen steht, eine Sehnsucht nach Schönheit.» Um dies schon an den Proben in den Mittelpunkt zu stellen, arbeitet Massaux mit äusserster Reduktion in Gesten, Bewegungen, Ausstattung. Ge­rade das erfordert grosse Kon­zen­tration. «Wir sind der letzte Schein eines Sonnenuntergangs», so deklamieren sie in der Schlussszene. Was hier keineswegs pessimistisch klingt.

• Kunst ist Liebe in Schönheit gehüllt: Sa, 9.9., 20 Uhr; bis 29.9. • Und der Rest ist Schweigen: So, 17.9., 17 Uhr; bis 28.9. Spieldaten und Reservation: theater111.ch

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