The Phantom of the Tonhalle

Margreth Lowe, guter Geist des Sinfonieorchesters, sorgt dafür, dass die Noten perfekt eingerichtet auf den Pulten stehen. Der Beruf der Notenarchivarin ist eine anspruchsvolle Tätigkeit, die eine musikalische Ausbildung voraussetzt.

Martin Preisser
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Margreth Lowe: Eine temperamentvolle Hüterin der Notenschätze in der Tonhalle St. Gallen. (Bild: Michel Canonica)

Margreth Lowe: Eine temperamentvolle Hüterin der Notenschätze in der Tonhalle St. Gallen. (Bild: Michel Canonica)

Ganz schön sportlich nimmt Margreth Lowe die enge Wendeltreppe hoch hinauf zu ihrem Büro, das weit oberhalb und hinter der Bühne der Tonhalle versteckt liegt. Was bis 1991 eine Hauswartwohnung war, beherbergt heute das Notenarchiv des Sinfonieorchesters. Margreth Lowe braucht nur einen Knopf zu drehen, und schon hört sie hinein in die Proben des Orchesters. Musik aus Wagners «Der Fliegende Holländer» erklingt. «Ich habe wohl den einzigen Arbeitsplatz mit Livemusik», sagt die Notenarchivarin schmunzelnd. «The Phantom of the Tonhalle» nennen sie die Kolleginnen und Kollegen gerne. Und sie strahlt das aus, was man einen guten Geist nennt, der nicht nur die Notenschätze mit sinfonischer und Opernliteratur hütet, sondern für jede Produktion die perfekt vorbereiteten Noten zur Verfügung stellt.

Schneiden und kleben

Das kann man nur, wenn man selbst viel von Musik versteht. Was auf den ersten Blick als einfache Notenschnipsel-, Kopier- und Klebearbeit erscheint, setzt genau eingesetztes musikalisches Denken voraus. Kompliziert ist vor allem die Arbeit für die Oper. Margreth Lowe bekommt die Vorgaben von der Regie, die an vielen Stellen einer Partitur Änderungen, Kürzungen oder Streichungen vornimmt. Die muss Lowe dann für rund sechzig Stimmen anpassen – mit dem Ziel einer perfekten Handhabung der Noten auf den Pulten. Fast wie eine Cutterin im Film wirkt ihre Arbeit da.

Ein wandelndes Archiv

Die Arbeit im Notenarchiv üben meist Orchestermusiker aus. 23 Jahre, bis 2003, war Margreth Lowe Geigerin im Sinfonieorchester. Das Notenarchiv betreut sie seit 13 Jahren. Von Noten war sie schon immer fasziniert und verdiente sich ihr Studium als Assistentin in der Bibliothek des Konservatoriums Zürich. Mit Margreth Lowe, die auch eine Ausbildung als Musikalienhändlerin absolviert hat, könnte man stundenlang über Musik und die Geschichte der letzten dreissig Jahre des Sinfonieorchesters St. Gallen und seiner Dirigenten reden. Die Geigerin schwärmt von John Neschling. «Er hat uns stets in einen musikalischen Ausnahmezustand versetzt», erinnert sie sich.

David Sterns Engel

Musikalisch am tiefsten berührt worden sei sie dann durch Jiri Kout, mit dem Margreth Lowe bis heute persönlich befreundet ist. Und wenn sie von Kouts Interpretationen von Dvoráks Neunter Sinfonie oder seiner «Rusalka» schwärmt, merkt man ihr die tiefe Bewunderung für die Kunst des tschechischen Dirigenten an. Kouts Nachfolger David Stern holte sich gerne Feedbacks von Margreth Lowe. «You are my angel», habe er oft gesagt. Lowe, die studierte Geigerin, war eine grosse Bewunderin von David Sterns Vater Isaac Stern. «Und plötzlich steht da ein junger Mann in der Tonhalle, der seinem Vater, diesem wunderbaren Geiger, wie aus dem Gesicht geschnitten war.» Dass sie traurig gewesen sei, dass Stern nach kurzer Zeit wieder gegangen sei, verhehlt Margreth Lowe nicht.

Wie im Care Team

Und Otto Tausk, der aktuelle Dirigent? «Schauen Sie doch nur, wie er sein Orchester anstrahlt, wie kann man da anders als schwungvoll und lebendig musizieren?» Tausk ist für Lowe ein moderner Typ Dirigent. «Die Ära des gefürchteten Maestros ist vorbei. Heute denkt man bei aller Autorität, die ein Orchesterleiter haben muss, viel mehr als gesamtes Team.» Perfekt zusammengestellte Noten, das ist Margreth Lowes Mission. «Gute Noten heisst gute Musik», sagt sie. «Ich arbeite wie ein Care Team, fürsorgend also. Wenn die Noten stimmen, geht es den Musikern besser. Ich kann so sehr viel zum flüssigen Ablauf beitragen.»

Kopieren und Binden

Nach einer Opernaufführung, die notentechnisch wegen der vielen Regieanweisungen viel aufwendiger ist als ein Sinfoniekonzert, «säubert» Margreth Lowe die Partituren von ihren eigenen Eingriffen und stellt sie ins Archiv zurück. Verantwortlich ist die Musikerin, die sich als Teil des Orchesters fühlt, auch für die Aufbereitung moderner Partituren, die von den Komponisten per PDF reinkommen. Da fallen dann schon einmal präzis durchgeführte Kopier- und Bindearbeiten an.

An die Uraufführung des Musicals «Der Graf von Monte Christo» erinnert sich Margreth Lowe genau. Erst um 18 Uhr, also nur neunzig Minuten vor der Weltpremiere, sei alles im Kasten gewesen. «Da habe ich mir dann schon vor der Aufführung ein Glas Wein gegönnt.»

Selbst liegt die quirlige Archivarin, die auch für die gesamte Leitung der Tonhalle verantwortlich ist, musikalisch nicht auf der faulen Haut. Sie spielt Streichquartett und im Orchester Musikfreunde St. Gallen. Neu hat sie ein exotisches Instrument für sich entdeckt, eine zweisaitige chinesische Violine, die Erhu. Stunden nimmt sie bei Lehrpersonen in Zürich und Singapur. So schnell, wie sie die Wendeltreppe zu ihrem Büro nimmt, jettet sie auch nach Fernost. Im Juni gar zweimal innerhalb von vierzehn Tagen. Sie hat es auf dem Instrument nach nur neun Monaten Studium so weit gebracht, dass sie in Singapur damit erfolgreich aufgetreten ist. Auch mit chinesischer Musik.

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