THE BEATLES: Kreative Explosion

Vor 50 Jahren erschien das epochemachende Album «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band». Der Pop flirtete mit der Avantgarde, und die Möglichkeiten der Studiotechnik wurden voll ausgeschöpft.

Christoph Wagner
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Christoph Wagner

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@tagblatt.ch

In Liverpool fanden sie zusammen, doch erst der Umzug nach London im Sommer 1963 weckte ihre schöpferische Fantasie. Die inspirierende Atmosphäre der Themse-Metropole löste bei den Beatles eine kreative Explosion aus, die 1967 auf dem Album «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band» zur vollen Blüte kam, was die Platte zu einem Meilenstein der Popgeschichte machte. Anfang Juni 1967 kam «Sgt. Pepper» in die Plattenläden.

Was San Francisco in den 60er Jahren für die USA war, war London für Europa: das Epizentrum des gesellschaftlichen Erdbebens, das damals die Jugend erfasste. In «Swinging London» pulsierte eine vitale Popszene, die mit einem neuen Lebensgefühl einherging. Teenager kleideten sich bunt, liessen sich die Haare wachsen, gaben sich lässig, frech und exzentrisch und forderten die ältere Generation heraus. So manche Zeitschrift erschien mit psychedelischem Cover, experimentelle Filme und Theateraufführungen erregten Aufsehen. In Kunstgalerien fanden skurrile Happenings und Performances statt. Ein Poetry-Festival in der Londoner Royal Albert Hall mit Allen Ginsberg, William Burroughs und Ernst Jandl zog 5000 Besucher an. In Underground-Clubs wie dem «UFO» dröhnten elektrische Sounds zu zuckenden Lightshows. Klänge und Farben explodierten. Die Musik driftete ab in immer abenteuerlichere Klangsphären. Pop flirtete mit der Avantgarde.

Die Studiotechnik wurde voll ausgeschöpft

Die Beatles tauchten kopfüber in diese vibrierende Szene ein und sogen neue Einflüsse auf. In George Martin hatten sie einen Produzenten zur Hand, der Studioerfahrung hatte, aber gleichzeitig experimentierfreudig war. Schon auf den Alben «Rubber Soul» (1965) und «Revolver» (1966) hatten sich die Fab Four mehr und mehr von den einfach gestrickten Beatnummern ihrer Anfangszeit entfernt. Das gab für «Sgt. Pepper» die Richtung vor. Immer raffiniertere Songs entstanden mit bunt schillernden Arrangements und aussergewöhnlichen Klangfarben, die die Möglichkeiten der Studiotechnik voll ausschöpften. Tonbänder wurden in doppelter Geschwindigkeit oder rückwärts gespielt, Vogelgezwitscher und Hunde­gebell eingeblendet, was manche Songs zu abenteuerlichen Klangcollagen machte, die dennoch Ohrwurmqualitäten besassen.

Das Album wurde in den EMI-Studios in der Londoner ­Abbey Road aufgenommen. Fünf Monate lang vertieften sich die Beatles und George Martin in die Arbeit. Das Debütalbum «Please Please Me» hatten sie vier Jahre zuvor dagegen an einem einzigen Tag eingespielt. Doch jetzt war die Ausgangslage anders: Nach drei Jahren endlosen Konzertauftritten auf der ganzen Welt hatten die Beatles beschlossen, nicht mehr auf Tour zu gehen. Dadurch öffnete sich ein Raum freier Zeit, den es zu nutzen galt.

Die vier Musiker hatten die Ideen, Produzent George Martin setzte sie um. Neue Instrumente wie das Mellotron wurden herangezogen, mit dem man Streicher imitieren konnte. Von einer Studienreise nach Indien zum Sitarvirtuosen Ravi Shankar hatte Leadgitarrist George Harrison einen Koffer exotischer Musikinstrumente mitgebracht, darunter eine ­Swarmandal (Zither) und eine Dilruba-Violine, die nicht nur dem experimentellsten Song des Albums «Within You Without You» exotisches Flair verliehen. Dazu gab es Bläsersätze, Cellos, Geigen und Hörner plus eine Bass-Mundharmonika. Die Palette an Klangfarben kannte keine Grenzen.

Unveröffentlichte Titel auf neuen Editionen

Das Plattencover des Avantgardekünstlers Peter Blake war eine spektakuläre Inszenierung – und sündhaft teuer. Auf der Klapphülle waren die Beatles in bunten Fantasieuniformen zu sehen, dahinter ihre Vorbilder und Idole als Pappkameraden aufgereiht: Folksänger Bob Dylan, Avantgardekomponist Karlheinz Stockhausen, die Sängerin Marlene Dietrich, Karl Marx, Marlon Brando, Oscar Wilde und Stan Laurel. Das Cover gab der Veröffentlichung ein Gesicht und trug dazu bei, dass «Sgt. Pepper» zu dem epochemachenden Album wurde, als das es heute gilt.

Rechtzeitig zum Jubiläum ist eine «Deluxe Anniversary Edition» und eine noch aufwendigere «Special Collector’s Anniversary Edition» auf CD und Vinyl erschienen, mit vielen bisher unveröffentlichten Titelversionen, die es bei der Endauswahl nicht auf die Platte schafften. Die Entstehung eines bestimmten Songs kann so genau nachvollzogen werden.

Bücher und ein Geburtstagsständchen

Ein Geburtstagsständchen hat Django Bates mit der Frankfurt Radio Big Band unter dem Titel «Saluting Sgt. Pepper» aufgenommen (Edition Records), auf dem sich der englische Jazzpianist, der inzwischen an der Hochschule der Künste in Bern lehrt, so eng an die Originale hält, dass seine Arrangements manchmal fast schon etwas brav und bieder wirken.

Die Entstehungsgeschichte des Albums zeichnet ein schmales Bändchen von Peter Kemper nach, das gerade beim Reclam- Verlag erschienen ist. Der Musikjournalist hat die Literatur zu «Sgt. Pepper» und den Beatles, die inzwischen Bibliotheken füllt, sorgfältig durchgearbeitet und kompetent zusammengefasst. Ein paar neue Sichtweisen aus eigener Recherche hätten der Darstellung noch etwas mehr Pfiff gegeben.

Peter Kemper: Sgt. Pepper, Reclam 2017, 100 S., Fr. 15.90