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TEXTILES ERBE: Die Einfädlerin

Das hat es noch nie gegeben: Acht Museen in zwei Kantonen beleuchten ab Ende April in einer Gemeinschaftsausstellung die textile Geschichte der Ostschweiz. Koordiniert wird sie von Isabelle Chappuis.
Christina Genova
Normalerweise hält sie alle Fäden in der Hand: Isabelle Chappuis. (Bild: Urs Bucher)

Normalerweise hält sie alle Fäden in der Hand: Isabelle Chappuis. (Bild: Urs Bucher)

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

Fäden ziehen, sich verheddern, sich verhaspeln, am seidenen Faden hängen: Seit Isabelle Chappuis vor zwei Jahren die Leitung von «iigfädlet» übernommen hat, des grossen, kantonsübergreifenden Ausstellungsprojekts zur textilen Vergangenheit und Gegenwart der Ostschweiz, verfolgen sie die textilen Redewendungen. Für die Begleitpublikation hat sie dazu einen Text verfasst.

Hinter Isabelle Chappuis ­liegen arbeitsreiche Monate, in denen ihre Aufgabe darin bestand, eine Gemeinschaftsausstellung zu koordinieren, wie es sie in der Ostschweiz noch nie gegeben hat: Acht Museen aus den Kantonen Appenzell Ausserrhoden und St. Gallen – vom Toggenburg übers Appenzellerland bis ins Rheintal – spannen dafür ­zusammen. Eröffnet werden die Ausstellungen gestaffelt vom 27. bis am 30. April.

Isabelle Chappuis ist Museumskoordinatorin des Kantons Appenzell Ausserrhoden, schweizweit ist sie die einzige ihrer Art. Seit 2012 berät und unterstützt die aus der Region Lausanne hergezogene Kunsthistorikerin und Museologin die zwölf von privaten Stiftungen und Vereinen getragenen Ausserrhoder Museen.

Kollektives Trauma

«‹iigfädlet› ist vor allem eine Ausstellung für die Ostschwei­zerinnen und Ostschweizer zur Vergegenwärtigung des eigenen kulturellen Erbes», sagt Isabelle Chappuis. In Schränken und auf Estrichen lagern viele Erinnerungsstücke: Bei einem Bringtag im Museum Prestegg in Altstätten wurden unter anderem mehrere aus Rheintaler Stickereien gefertigte Hochzeitskleider vorbeigebracht. Eine Person hatte gar ein Kinderfoto von sich dabei, worauf sie als Modell für eine Stickereifirma posiert. Jeder kenne mindestens jemanden, der mit Textilbranche zu tun hatte, ist Chappuis überzeugt: «Gemessen an seiner Bedeutung ist das Thema viel zu wenig präsent.» Vielleicht auch deshalb, weil damit ein kollektives Trauma verbunden sei. Vor hundert Jahren begann der grosse Niedergang der Ostschweizer Textilindustrie, Tausende verloren ihre Arbeit. In den darauffolgenden Jahrzehnten folgten weitere Krisen, die Branche schrumpfte kontinuierlich. Auch der Schwiegervater einer Freundin von Isabelle Chappuis musste mit seinem ­Betrieb Konkurs anmelden: «Er zog weg aus der Ostschweiz, die Schande war zu gross.» Doch die Krisen hatten auch etwas Positives: Die Textilbranche sei gezwungen gewesen, sich immer wieder neu zu erfinden. Deshalb sei deren Experimentierfreude und Innovationskraft bis heute enorm. 2006 widmeten sich letztmals parallel vier St. Galler Museen der Ostschweizer Textilkultur. Damals wurden unter dem Titel «Schnittpunkt Kunst und Kleid» vor allem deren schöne Seiten beleuchtet. Für «iigfädelt» wählte man hingegen einen anderen Zugang. Im Fokus steht die Sozialgeschichte: «Wir wollen erzählen, unter welchen Umständen die edlen Stoffe entstanden», sagt Isabelle Chappuis. Dies sei bisher in Ausstellungen trotz guter Forschungslage zu wenig thematisiert worden. Die Arbeit an den Maschinen war monoton; Die Sticker, die häufig in Heimarbeit produzierten, waren nicht selten der Willkür der Zwischenhändler ausgesetzt. Zwölfjährige Kinder mussten bis zu zwölf Stunden täglich einfädeln: «Kinderarbeit, wie man sie heute aus Asien kennt, gab es vor hundert Jahren auch bei uns», sagt Isa­belle Chappuis.

Recherchen bis nach Sizilien

Für die Inhalte sind die Kuratoren und Kuratorinnen der jeweiligen Museen zuständig. Ein Überblick werde nicht angestrebt und sei bei der Vielschichtigkeit des Themas auch nicht möglich. Jedes Museum konzentriere sich auf ­einen Teilaspekt mit Bezug zur unmittelbaren Umgebung. Die Menschen und ihre Geschichten bilden einen Schwerpunkt: Im Brauchtumsmuseum in Urnäsch erzählen in der Textilbranche beschäftigte Urnäscher in Videointerviews aus ihrem Arbeitsalltag. Für die Ausstellung im Museum Heiden über die ehemalige Firma Media AG hat man frühere Mitarbeiter sogar in Sizilien aufgespürt. Im Museum Herisau wird gezeigt, wer heute in Ausserrhoden überhaupt noch Textilien produziert.

Isabelle Chappuis hofft, dass die Besucher der Ausstellungen dazu angeregt werden, in der eigenen Familie nach Textilgeschichten zu forschen. Denn wer weiss, vielleicht war ja der Grossvater Fergger oder die Urgrossmutter eine Nachstickerin?

30.4. bis 29.10. Vernissagetermine und Rahmenprogramm unter iigfädlet.ch

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