Teufelsgeiger vor Paganini

Hörbar Barock

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Chouchane Siranossian, Jos van Immerseel: L’ange & le diable. Violinsonaten von Locatelli, Leclair, Tartini, Alpha 255

Chouchane Siranossian, Geigerin mit armenischen Wurzeln, war ein Jahr lang Konzertmeisterin beim Sinfonieorchester St. Gallen. Anschliessend entdeckte sie die Barockmusik für sich und studierte weiter bei Barockspezialist Reinhard Goebel. Unterdessen zählt sie zu den spannendsten Neuentdeckungen der Alte-Musik-Szene: als Vertreterin der «dritten Generation», die Quellenstudium und Aufgeschlossenheit leichthin mit phänomenalem technischen Können verbinden. Von Reinhard Goebel stammt ein aufschlussreicher Beitrag im Booklet ihrer neuen CD, für die Chouchane Siranossian gerade den International Classical Music Award erhalten hat: ein Rückblick auf alte Grabenkämpfe, die es so nicht mehr gibt. Zum Glück, denn das bietet die Chance, barockes Repertoire wiederzuentdecken, das früher schon gern gespielt wurde, von den Virtuosen alter Schule: Sonaten von Leclair, Locatelli, Tartini, den «Engeln» und «Teufeln» auf der Violine. Dafür hat sich die Geigerin mit dem Belgier Jos van Immerseel zusammengetan, einem Alte-Musik-Pionier am Cembalo – und die beiden ergänzen sich prächtig. Nicht nur, dass Choucane Siranossian bravourös alle Hexereien meistert, schwindelerregende Lagen und Läufe, extravagante Verzierungen. Sie spielt auch beseelt und mit Tiefe.

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Gli Incogniti, Amandine Beyer, Hans Jörg Mammel: Un orage d’avril. Suiten, Kanon und Lieder von Johann Pachelbel, Harmonia Mundi, HMC 902238

Musik, so wechselhaft wie der Aprilhimmel

Mit dem weithin bekannten «Kanon» hat Johann Pachelbel einen dauerhaften Hit gelandet – auf Schallplatten älteren Datums feierlich getragen zu hören, ein zäher, endloser Klangstrom, grosszügig überzuckert mit Vibrato. Hier kommt das Stück erst ganz am Schluss, gleichsam als Bonus-Track für Unverdrossene – in frischem, lebhaftem Tempo und transparentem Klang. Die Geigerin Amandine Beyer und das Ensemble Gli Incogniti präsentieren Pachelbel nicht als strengen Kirchenmusiker, sondern als Meister «musikalischer Ergötzung»: Tableaus in Miniaturformat, die lebensprall wie die Genrebilder der Niederländer sind. Der Tenor Hans Jörg Mammel steuert Strophenlieder bei, die für noch mehr Abwechslung und Ergötzung sorgen: kleine Proben von Pachelbels vielseitiger Kunst.

Bettina Kugler