Teile statt herrsche

Lucerne Festival Die Orchester sind das Rückgrat, der Mann am Pult das Aushängeschild des gestern eröffneten Festivals. Doch das Bild des Maestro wandelt sich. Mario Gerteis

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Der Diktator: Arturo Toscanini. (Bild: ap)

Der Diktator: Arturo Toscanini. (Bild: ap)

Die Sinfoniekonzerte – dieses Jahr sind es deren 34 – waren seit jeher und bleiben die Achse des sommerlichen Lucerne Festival. Im Mittelpunkt stehen die Orchester und vor allem die Stars im Frack, die vor ihnen ihr Stäbchen schwingen.

«Es war eine der schlimmsten Erfahrungen meines jungen Lebens. Ich war kurz nach dem Krieg bei einer Konzertprobe von Arturo Toscanini in der Mailänder Scala. Ein grosser Dirigent, eine grosse Persönlichkeit. Aber jemanden so schreien zu hören, die Musiker ohne jeden Grund zu beleidigen…». Das sagte mir vor ein paar Jahren Claudio Abbado in Luzern im Gespräch. Seine eigene Ansicht war das pure Gegenteil: «Um mit andern Menschen Musik zu machen, muss man schon die Liebe zur Musik miteinander teilen. Nur gemeinsam kann man vorwärtskommen.»

Das Ende der Tyrannen

Nun freilich war Toscanini zwar nicht der einzige Gefürchtete in seinem Fach, aber doch der Prototyp des Diktators, der keine andere Meinung duldete. Die Zeit dieser Tyrannen war eigentlich mit dem Zweiten Weltkrieg abgelaufen (obwohl es zumal in den USA zwischen Stokowski und Szell noch einige dieser Art gab).

Es herrschte fortan auf diesem Feld der – ein bisschen menschlichere – Allmächtige. Bemerkenswert, dass Abbado deren Gallionsfigur Wilhelm Furtwängler ausgesprochen schätzte: «Sein Musizieren hat mich geprägt. Dies besonders wegen seiner grossen musikalischen Spannung; er gab jeder einzelnen Note, jeder einzelnen Phrase eine sehr tiefe Bedeutung.»

Kaum minder interessant, dass Abbado eine ähnliche Probentechnik pflegt wie Furtwängler: Er lässt längere Passagen oder ganze Sätze durchspielen, wiederholt kaum etwas, gibt nur wenige Anweisungen; er setzt eben auf das Hineinwachsen in einen (nach-)schöpferischen Prozess. Dies immer in enger Verbindung mit dem Orchester – nicht als Chef, sondern als Partner.

Dies ist das Ergebnis einer längeren Entwicklung und vielleicht nur Musikern mit einer gewissen Reife möglich (das gleiche trifft auf Bernard Haitink zu). Denn auch nach Furtwängler dominierte das Image des Allmächtigen. Beecham, Solti, Bernstein gehörten in diese Kategorie, aber die Nummer eins war natürlich Herbert von Karajan. Spätestens mit dessen Tod 1989 ging diese Ära zu Ende. Die Generation nach ihm gewann ein lockereres Verhältnis. Selbstverständlich gab und gibt es immer wieder Superstars, allmählich Emporwachsende wie steile Aufsteiger. Aber die Beziehung zwischen ihnen und den Musikern ist entspannter geworden.

Perfektion unter Freunden

Was sich in dieser Zeit gewandelt hat, und dies nicht zuletzt dank der Schallplatte, ist die Perfektion. Furtwängler etwa war kein Perfektionist; hört man sich Live-Mitschnitte seiner Konzerte an, mag man gelegentlich erschauern. Genau damit verbunden ist die Geschichte des Schweizerischen Festspielorchesters, das lange als exklusives Aushängeschild der Internationalen Musikfestwochen Luzern galt.

In den Gründerjahren 1938 und 1939 als Elite-Orchester geschaffen für Toscanini & Co., war es später eine Zeitlang das bestimmende Element im Festivalgeschehen. Auch oberste Prominenz wie Furtwängler, Karajan, Bruno Walter, Fritz Reiner, Dimitri Mitropoulos, Ferenc Fricsay stand vor diesem Klangkörper, der jeden Sommer aus ersten Schweizer Instrumentalisten gebildet wurde.

Zunehmend jedoch wurde es den Top-Maestri zu mühsam, dieses zusammengewürfelte Ensemble in wenigen Proben zur Einheit zu verschmelzen; sie zogen es vor, mit ihren eigenen wohltrainierten Orchestern zu erscheinen. Einer der letzten in der höchsten Gilde, der sich zurückzog, war der legendäre Sergiu Celibidache.

So verschwand das Schweizerische Festspielorchester in den frühen Neunzigerjahren. Das gegenwärtige Lucerne Festival Orchestra ist nur bedingt sein Nachfolger. Weil es mit immer gleichem Kern (Mahler Chamber Orchestra) gebildet wird. Weil illustre Solisten an den ersten Pulten sitzen. Und weil es ausschliesslich mit einem einzigen Dirigenten auftritt. Das Orchester ist gewissermassen der musizierende Freundeskreis von Claudio Abbado; eine Gemeinschaft, wie sie auch Daniel Barenboim mit dem West-Eastern Divan Orchestra anstrebt.

Der Teamleader: Claudio Abbado. (Bild: Lucerne Festival/Georg Anderhub)

Der Teamleader: Claudio Abbado. (Bild: Lucerne Festival/Georg Anderhub)

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