Teenager-Irrfahrt

Mit «Axolotl Roadkill» hat Helene Hegemann eine Plagiatsdebatte entfesselt. Jetzt erscheint ihr zweites Buch «Jage zwei Tiger».

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Helene Hegemann: Jage zwei Tiger, Hanser Berlin 2013, 320 S., Fr. 27.90

Helene Hegemann: Jage zwei Tiger, Hanser Berlin 2013, 320 S., Fr. 27.90

Nach den teils schwer verdaulichen Exzessen ihrer Heldin Mifti in ihrem Erstling «Axolotl Roadkill» schickt die mittlerweile 21jährige Helene Hegemann ihre Protagonisten in «Jage zwei Tiger» auf eine Art Roadmovie durch die Abgründe der Kunst- und Kulturschickeria. Anfangs nervt ihre seltsame Mischung aus Jugendslang und bemühtem Theoriesprech, aber zunehmend entwickelt die Geschichte Schwung und Spannung – als schreibe sich die Autorin frei von eigenen, allzu hohen Ansprüchen.

Die Wege kreuzen sich

Es beginnt mit dem elfjährigen Kai, der bei einem Autounfall seine Mutter verliert und – nach einer Zwischenstation beim Wanderzirkus – schliesslich bei seinem geschiedenen Vater landet. Der Kunsthändler und Frauenheld hat auf alles mehr Lust als auf elterliche Verantwortung, fügt sich aber widerwillig in sein Schicksal: «Ich kann dir nicht bei Mathe-Hausaufgaben helfen, und ich werde dich auch nicht davon abhalten können, in vier Jahren oder weiss der Teufel wann Drogen zu nehmen.»

Daneben steht die 14jährige Cecile, drogenabhängig, magersüchtig, ein Wrack. Ihre Eltern sind neu in ein 120-Zimmer-Anwesen in Hamburg eingezogen. Wenn die Mutter zum Essen ruft, muss sie der Tochter per SMS den Weg ins Speisezimmer beschreiben. Cecile kann die Gefühlskälte ihrer Eltern nicht ertragen – über eine schräge WG in Worms und einen Ausflug nach Venedig kreuzt sich ihr Weg mit Kais Vater und schliesslich mit Kai selbst.

Lust an der Übertreibung

Es ist eine kaputte Welt, in der sich jungen Helden bewegen. Mit einem wilden Vergnügen an grotesker Übertreibung malt Helene Hegemann die Hohlheit der Schönen und Reichen im Kunstbetrieb aus. Da ist die mittellose alkoholkranke Mutter, die einst 30 Millionen Euro auf dem Konto hatte, beim Wohltätigkeitsanlass trifft sich die «Crème de la Crème der Scheisse», und die Geliebte des Vaters sieht aus wie eine «Nagelstudiobesitzerin, blond, dünn, ein bisschen mit Kunst zu tun und offenbar auf mehreren Edelgestüten aufgewachsen».

Dahinter aber geht es vor allem um die Entwurzelung, die Kai und Cecile und die Kinder um sie herum erleben – das Lebensgefühl einer verlorenen Generation, die in der exaltierten Welt der Eltern das Wichtigste nicht mehr bekommt: Zuwendung. «Ich will nach Hause», sagt Kai einmal: «Ich meine nicht München oder die Wohnung oder das alles. Ich will nach Hause. Ich will einfach nur nach Hause.»

Die Vermutung, sie könne mit diesem wiederkehrenden Thema des Sich-Allein-Fühlens auch ihre eigene Geschichte verarbeiten, weist die Autorin zurück. Auch sie verlor früh ihre Mutter, mit 13 zog sie zu ihrem Vater, dem Berliner Theatermacher Carl Hegemann. Schon mit 15 brachte sie ihr erstes Stück auf die Bühne.

«Danke für massiven Einfluss»

Und wie ist sie mit dem Wirbel um ihr erstes, des Plagiats verdächtigtes Buch klargekommen? Diesmal sind in einem Anhang akribisch alle Songtitel aufgelistet, auf die sie sich im Text bezieht. Dazu gibt es ein «Danke für massiven Einfluss» an ziemlich viele vertraute Menschen. (sda)