Tatort-Kolumne
Mutter-Bashing statt valider Gesellschaftskritik: In dieser Folge stehen die Falschen am Pranger

Die neue Folge aus Frankfurt möchte die soziale Schere beklagen, kritisiert aber stattdessen eine alleinerziehende Pflegerin.

Susanne Holz
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«Tatort» aus Frankfurt: «Luna frisst oder stirbt»

«Tatort» aus Frankfurt: «Luna frisst oder stirbt»

Bild: Das Erste

«Luna frisst oder stirbt»: So sperrig dieser Titel, so nervig ist diese ganze ambitionierte Folge aus Frankfurt. Nach der Buchvernissage ihres Debütromans wird die 19-jährige Luise Nathan (Jana McKinnon) tot aufgefunden. In ihrem Buch geht es um die sozial benachteiligte Teenagerin Luna.

Die Autorin, Tochter einer gut situierten Stadträtin für Soziales mit schicker Altbauwohnung, kämpft gegen «Chancenungleichheit». Im Roman schildert sie drastisch den Hunger und weitere Nöte der fiktiven Altersgenossin. Der «Tatort» spielt mit diesen Szenen und lässt sie lebendig werden. Und bald wird klar, dass Romanfigur Luna abgekupfert ist – ihre Geschichte ist die Geschichte von Luises Freundin Nellie (Lena Urzendowsky).

Irritierend an dieser Story ist zunächst einmal die Derbheit der Bilder im Buch. Der Teenager, der Hunger leidet. Dann die aufstrebende Autorin, die mit dem Rousseau-Zitat «Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen» glänzen will. Besonders stossend ist jedoch, dass die Romanfigur Luna beziehungsweise der echte Teenager Nellie keineswegs in der Gosse lebt, sondern mit ihrer Mutter, einer alleinerziehenden Pflegerin, in einer sauberen und hübschen Wohnung.

Sie wollten dem dringlichen Thema der sozialen Schere gerecht werden, sagen Drehbuchautorin Johanna Thalmann und Regisseurin Katharina Bischof. Ein prima Anliegen. Warum dann aber die alleinerziehende Pflegerin an den Pranger gestellt wird, und nicht eine Gesellschaft, in der Pflegepersonal massiv unterbezahlt ist, das bleibt ein Rätsel.

Ein Trost: Die lebendigste und schönste Person in diesem «Tatort» ist die Alleinerziehende, wunderbar kraftvoll gespielt von Tinka Fürst.

«Tatort» aus Frankfurt: «Luna frisst oder stirbt». Morgen, Sonntag, 31. Oktober 2021, SRF 1, um 20.05 Uhr. Wir geben zwei von fünf Sternen.

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