Tanztheater
Nur Fliegen ist schöner: Das neue Stück der Tänzerin Nelly Bütikofer spielt mit der Schwerkraft von Körpern und Stimmen

Sie tanzt nicht selbst, bringt aber drei Tänzer und acht Stimmkünstlerinnen fast zum Abheben. Im Rahmen des Neustart-Festivals feierte Nelly Bütikofers «Wir könnten fliegen wollten wir» Premiere in der Offenen Kirche St.Gallen.

Bettina Kugler
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Eine «Komposition für Arme, Beine und Stimmbänder» ist das Stück; es bringt beim Zuschauen auch Herz und Geist in Bewegung.

Eine «Komposition für Arme, Beine und Stimmbänder» ist das Stück; es bringt beim Zuschauen auch Herz und Geist in Bewegung.

Bild: Christian Glaus

Behaupten kann man alles - zumal, wenn es so schön poetisch formuliert wird wie in dem Satz: «Wir könnten fliegen wollten wir». Hier schweben immerhin die Worte, kommalos im Konjunktiv. In dieser Sphäre ist das Stück, vielmehr die «Komposition für Arme, Beine und Stimmbänder» angesiedelt, die Nelly Bütikofer, mit 72 Lebensjahren frisch und kreativ wie eh und je. gemeinsam mit der Sängerin Karin Meier, dem Musiker Curdin Janett und zehn Performerinnen und Performern entwickelt hat.

Premiere war am Samstagabend in der Offenen Kirche St. Gallen: eine von vielen Veranstaltungen im Rahmen des Neustart-Festivals, neben Probeneinblicken und Minikonzerten, Kurzführungen und Performances. Ein nahrhaftes, gehaltvolles Stück Kunst inmitten eines üppigen Buffets von Häppchen, dabei gleichwohl so luftig, wie es sein muss, wenn es ums Fliegen geht, ums Abheben. Im Publikum aus Fleisch und Blut sassen reglos die «Pilger», 17 lebensgrosse graue Skulpturen des Künstlers Johann Kralewski, die derzeit in der Offenen Kirche ausgestellt sind. So wirkte der Raum gut gefüllt - und jede Bewegung darin noch um ein Vielfaches dynamischer.

Sie könnten fliegen - doch fürs erste loten Christian Ogou, Mara Natterer und Benjamin Sunarjo die Schönheit des Stehens und Gehens aus.

Sie könnten fliegen - doch fürs erste loten Christian Ogou, Mara Natterer und Benjamin Sunarjo die Schönheit des Stehens und Gehens aus.

Bild: Christian Glaus

Gottvater und Adam schauen auf den Wolken zu

In Flughöhe: Gottvater auf den Wolken, im Begriff, Adam zu erschaffen. Das neue Graffiti frei nach Michelangelo macht sich gut als Fluchtpunkt der «Komposition», eines Stücks, das mit Schwerkraft und Bodenkontakt spielt und sich aufschwingt, die Bewegungsarten und Körperhaltungen gründlich auszuloten. So gut, dass man sich fragt, ob nicht etwas Wesentliches fehlen wird, wenn die Produktion nach den ersten beiden Vorstellungen in St. Gallen weiterzieht: nach Zürich in die Limmat Hall, dann in die Alte Fabrik in Rapperswil-Jona, die mit dem von Nelly Bütikofer gegründeten Fasson Theater Co-Produzentin ist, schliesslich nach Trogen in den Rössli-Saal.

Rund siebzig Minuten lang liegen und sitzen, stehen und gehen in «Wir könnten fliegen wollten wir» eine Tänzerin (Mara Natterer) und zwei Tänzer (Christian Ogou, Benjamin Sunarjo), die Sängerin Karin Meier und eine Schauspielerin (Irina Schönen) sowie ein kleiner Frauenchor im Grenzbereich zwischen Ruhe, Alltagsbewegung und Tanz, zwischen Stille, Geflüster und klaren Ansagen, Gemurmel, Summen und Gesang. Sie stacheln sich gegenseitig an, beflügeln einander, nicht selten auf witzig-verspielte Art. Der Tanz hat Kraft und Energie, aber auch eine innere Logik. Kein Schritt, keine Drehung genügt sich selbst.

Körperhaltungen und Bewegungsarten werden lustvoll dekliniert

Abflugbereit ist stets auch der siebenköpfige Frauenchor; in der Mitte die Sängerin Karin Meier.

Abflugbereit ist stets auch der siebenköpfige Frauenchor; in der Mitte die Sängerin Karin Meier.

Bild: Christian Glaus

Da wird das Aufstehen, das Aufsetzen und Abrollen der Füsse neu gelernt, Armwinkel ausgemessen, das «Go» und «Sto», «Go sto», «Go laufe» und «Go ligge» in Worten und Bewegung dekliniert und irgendwann trällernd zum Tanz gelockt, im Durcheinander und Miteinander der Frauenstimmen. Der Chor ist nicht nur Klangkörper, Sprachrhythmusgruppe, er wird auch mitbewegt im Raum, hat Arme, Beine, Stimmbänder, bringt Texte von Eugen Gomringer, Ernst Jandl und Daniela Huwyler zum Fliegen, treibt die Tänzer an. Mal sehr energisch, im Befehltston, am Ende in fast magischem Gesang: Als flögen sie alle im Rückwärtsgang davon.

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