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Ballettdirektor Christian Spuck: «Tanzt mit dem Herzen!»

Unter Christian Spuck erreicht das Ballett Zürich eine Traum-Auslastung: Fast jede Vorstellung ist ausverkauft. Wie stellt der Ballettdirektor und Choreograf das an?
Rolf App
Stimmen die Bewegungsabläufe? Der Zürcher Ballettdirektor Christian Spuck bei den Proben zu Schuberts «Winterreise». (Bild: Gregory Batardon)

Stimmen die Bewegungsabläufe? Der Zürcher Ballettdirektor Christian Spuck bei den Proben zu Schuberts «Winterreise». (Bild: Gregory Batardon)

Opernhaus Zürich, drittes Untergeschoss, Ballettsaal. Die Tür bleibt offen, es ist ein Kommen und Gehen. Zwei Wände sind verspiegelt, an der dritten hängen Plakate mit den Titeln von Ballettabenden: Messa da Requiem, Forellenquintett, Schwanensee, Nussknacker und Mausekönig. Tänzerinnen und Tänzer warten am Rand, vertreiben sich die Zeit, üben Bewegungen, Spagat, Liegestütze, andere drehen sich in der Raummitte.

Ballettdirektor Christian Spuck ist gerade an der Feinarbeit zu Franz Schuberts «Winterreise», aus dem Lautsprecher ertönt Hans Zenders moderne Fassung des Liedzyklus für kleines Orchester. Sie klingt offener, weniger kompakt als jene für Klavier. Singen wird die Lieder der Tenor Mauro Peter.

Mit der «Winterreise» eröffnet Spuck diesen Samstag seine siebte Saison in Zürich, gerade ist sein Vertrag um drei weitere Jahre verlängert worden – bis 2025. Er hat angekündigt, «noch mehr wagen» zu wollen.

Noch fehlt die letzte Sicherheit

Ruhig folgt er den Proben, steht immer wieder auf, geht zur Mitte, vertieft sich in Gespräche. Rasch geht es von Stück zu Stück, oft sind es Übergänge, die ihn beschäftigen. Oder einzelne Bewegungsabläufe, die nicht natürlich wirken. Noch fehlt die letzte Sicherheit.

Trotzdem beginnt man beim Zuschauen auch in dieser nüchternen, bunkerartigen Atmosphäre Bilder wahrzunehmen. Es sind die Bilder, die einem Ballett Kraft verleihen. Bilder, bei denen man das Denken ausschalten und den Alltag beiseite legen kann.

Elizabeth Wisenberg als Julia und Alexander Jones als Romeo in Christian Spucks Choreografie. (Bild: Gregory Batardon)

Elizabeth Wisenberg als Julia und Alexander Jones als Romeo in Christian Spucks Choreografie. (Bild: Gregory Batardon)

In Spucks Choreografien taucht man ein in eine flüchtige Welt voller symbolhaft aufgeladener Fantasie – wie in «Nussknacker und Mausekönig». Man kehrt zurück zu den grossen Gefühlen, zur Liebe – wie in «Romeo und ­Julia».

Ein Sog jenseits aller Worte

Oder auch zu Sterben und Trauer – wie in «Messa da Requiem», jener stets ausverkauften Ballettfassung von Giuseppe Verdis erschütterndem Abschied vom Leben, die Christian Spuck in der vorletzten Saison entwickelt hat. Wer sich die Liveaufnahme auf DVD anschaut, die es von diesem denkwürdigen Abend gibt, gerät rasch in den doppelten Sog, den Musik und Tanz da erzeugen. Es ist ein Sog jenseits aller Worte, der von den Körpern ausgeht und von ausdrucksvollen Gesichtern.

Spuck erzählt da – wie in der «Winterreise» – keine Geschichte, sondern entwickelt aus Verdis Musik heraus sechzehn abstrakte Tableaux von beklemmender Wucht und schmerzlicher Schönheit. Hoffnungslosigkeit und Trost liegen dicht nebeneinander, kraftvoll nutzt Spuck den Raum und baut darin Szenen von archaischer Eindringlichkeit.

Das Schweizer Fernsehen hat die Arbeit begleitet, der Dokfilm ist der DVD als Bonusmaterial beigefügt. Unmittelbar vor der Premiere gibt Christian Spuck den Tänzern, den Solisten und dem Chor nur noch einen Rat mit: «Singt mit dem Herzen, tanzt mit dem Herzen».

Lieder eines einsamen Wanderers

So freundlich und zugewandt wie im Ballettsaal ist der 49-Jährige auch im Gespräch. Schubert habe mit seiner «Winterreise» damals, als er sie zum ersten Mal Freunden vorspielte, seine Zuhörer schockiert, erzählt er, einzig der «Lindenbaum» habe ihnen gefallen.

«Heute sind diese 24 Lieder eines einsamen, unglücklichen Wanderers, der relativ larmoyant an sich leidet, grosses bürgerliches Kulturgut und ein Aushängeschild für Interpreten.»

Das Irritierende, Raue ist derweil aus dem Blickfeld verschwunden. Spuck will es in seiner Choreografie wieder zum Vorschein bringen, «damit man auch noch einmal anders zuhört». Zusammen mit der Musik soll der Tanz eine emotionale Direktheit bekommen, die der Sprache allein abgeht. Genau das ist es, was Christian Spuck mit seinen Choreografien anstrebt:

«Ich will die Menschen berühren.»

Dass ihm das gelingt, zeigen auch die Zahlen. Mit mehr als 98 Prozent erreicht sein Ballett eine Traum-Auslastung, verkauft werden sogar Plätze, «von denen aus man kaum was sieht».

Anna Khamzina und Alexander Jones in Christian Spucks "Messa da Requiem". (Bild: Gregory Batardon)

Anna Khamzina und Alexander Jones in Christian Spucks "Messa da Requiem". (Bild: Gregory Batardon)

Zwar bekommt er durchaus auch Briefe, in denen gefragt wird: Wo bleiben die Pirouetten, wo die grossen Sprünge? Aber daneben spürt er dieses grosse Interesse, das mit den Tänzern zu tun hat, «die starke Persönlichkeiten sind». Und damit, wie er und die von ihm ans Opernhaus Zürich geholten Choreografen den Tanz weiterdenken, ihn in starken Bildern neu erfinden für unsere Zeit.

Manchmal sitzen viele Junge im Parkett

Das Weiterdenken ist sein stärkster Antrieb, denn «jegliche Form von Routine steht im Widerspruch zur Kunst», sagt Christian Spuck. Er muss neue Räume und Formen erkunden, in Zukunft auch in Projekten, «die auf den ersten Blick gar nichts mit Ballett zu tun haben».

Besonders wichtig sind ihm auf diesem Weg die jungen Menschen. Deshalb blickt er in manchen Vorstellungen stolz ins Parkett, weil dort so viele Jugendliche sitzen. Er freut sich, wenn Schulklassen in die Proben kommen. Oder wenn sie eigene Choreografien erarbeiten. Manchmal finden sie das zuerst blöd.

«Bis sie hier im Opernhaus proben. Dann schlägt ihre Stimmung um in Begeisterung.»

Christian Spuck sieht da durchaus seine eigene Geschichte gespiegelt. Er selber hat als orientierungsloser Jugendlicher über einen Theaterworkshop am Staatstheater Kassel den Weg auf die Bühne gefunden.

Oft war Christian Spuck nah daran aufzugeben

Es war ein steiniger Weg, der viel Disziplin, Ausdauer und Zähigkeit erforderte. Denn Christian Spuck ist nach Matura und zweijährigem Zivildienst in der Psy­chiatrie gegenüber anderen spät dran. Was für die Ausbildung zum Tänzer ein Handicap ist, erweist sich menschlich als Vorteil. Denn, wie er später sagt, er habe in der Psychiatrie am meisten über das Leben gelernt.

Trotzdem: Oft war er nah daran aufzugeben, fand Ermutigung bei Freunden. Und er merkte auch, dass er gar keine Karriere als Tänzer anstrebt. Er will Choreograf werden, will Geschichten erzählen. Dabei nimmt er es am Anfang ganz genau, wie er im erwähnten Film des Schweizer Fernsehens erzählt. Bis ihm ein berühmter Choreograf klar macht, dass er sich mit seiner peniblen Vorbereitung daran hindert, von der Kreativität seiner Tänzer lernen zu können.

Genau das ist es, was er heute tut: Seine Ideen mit jenen der Tänzerinnen und Tänzer zusammenzubringen und daraus immer neue Stücke wachsen zu lassen. Die «Winterreise» ist ihr gemeinsames Werk.

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