Tanzschritte wieder zum Leben erweckt

Das Erbe des Tänzers, Pädagogen und Choreografen Sigurd Leeder ist fast vergessen. Seine ehemalige Schülerin Evelyn Rigotti ist nun dabei, seine Choreografien zu retten. Für dieses Projekt erhält sie einen Werkbeitrag des Kantons St. Gallen.

Mirjam Bächtold
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Sie tanzt bis heute. Evelyn Rigotti aus Wattwil unterrichtet Kinder und Erwachsene. (Bild: Jil Lohse)

Sie tanzt bis heute. Evelyn Rigotti aus Wattwil unterrichtet Kinder und Erwachsene. (Bild: Jil Lohse)

Mirjam Bächtold

Dass es überhaupt Videoaufzeichnungen von Sigurd Leeders Schülerinnen gibt, ist erstaunlich. Der Tanzpädagoge war absolut gegen das Festhalten der flüchtigen Kunstform Tanz. «Er hatte wohl Angst, dass das Material in falsche Hände kommen könnte», sagt Evelyn Rigotti, die in London bei Sigurd Leeder die Ausbildung zur Tänzerin und Tanzpädagogin absolviert hat. Doch jetzt will sie etwas dagegen tun, dass Sigurd Leeders Methoden verschwinden. Die 78-Jährige hat gemeinsam mit anderen ehemaligen Leeder-Schülerinnen ein Projekt gestartet: Zehn Etüden Leeders sollen aus der Tanzschrift wieder in Bewegungen umgesetzt werden. Auf Papier sind sie in der Laban-Notation festgehalten. Eine komplizierte Tanzschrift, deren Muster aussieht wie nebeneinanderliegende Messerklingen. Ziel des Projekts sind ein Buch mit der Tanzschrift und eine DVD, auf der diese Etüden von drei professionellen Tänzerinnen dargestellt werden. Ausserdem soll eine Website entstehen.

Erinnerungen sind im Körper

Für Evelyn Rigotti begann das Projekt bereits 2012, als das Schweizer Tanzarchiv sie anfragte, ob sie beim Bestimmen des Bildmaterials von Leeders Schülerinnen helfen könnte. «Ich versuchte, die Personen auf den Bildern und alten Filmaufnahmen zu erkennen», sagt sie. Da diese Aufnahmen qualitativ nicht mehr gut sind, entstand die Idee, Leeders Etüden neu zu verfilmen. Seit 2012 läuft auch die Zusammenarbeit mit Ann Hutchinson-Guest, die das Buch mit der Laban-Notation verfasst hat.

Momentan laufen die Proben für die Filmaufnahmen. Chris­tine von Mentlen, die in Herisau Tanz unterrichtet, kann die Laban-Schrift lesen. Gemeinsam mit ihr versuchen Leeders ehemalige Schülerinnen, die Notation wieder in Bewegungen zu verwandeln. «Viele Erinnerungen sind noch im Körper. Wenn wir zu tanzen beginnen, kommen uns die nächsten Schritte wieder in den Sinn.» Nebst der DVD und Website planen die Initiantinnen auch Lecture Demonstrations, bei denen die Tänze live demonstriert und Sigurd Leeders Methoden erklärt werden.

Chopin im Hühnerhof

Evelyn Rigotti hat die Sigurd Leeder School of Dance in London 1959 abgeschlossen. Eigentlich sollte sie Physiotherapeutin werden. «Aber ich habe mir schon vor der Ausbildung vorgenommen, mit meinen Patienten zu tanzen», sagt sie. Sie war jedoch zu jung für die Lehre und durfte ein Jahr nach London als Au-pair. Dort besuchte sie einen Abendkurs in Modern Dance und wurde angefragt, ob sie Leeders Schule besuchen möchte. Die Eltern gaben ihr Einverständnis – zuerst nur für ein Jahr, doch schliesslich durfte sie die gesamte Ausbildung absolvieren. Getanzt hat Evelyn Rigotti schon immer. Als Kind sei sie immer in Bewegung gewesen, stillsitzen sei ihr schwergefallen. Einmal bekam sie ein Grammofon und einige Schallplatten. «Ich habe es in den Hühnerhof gestellt und dort Chopin getanzt.»

Heute unterrichtet Evelyn Rigotti immer noch. Ihre jüngste Schülerin ist 4, die älteste 99 Jahre alt. Ans Aufhören denkt sie noch lange nicht. «Das wäre ja langweilig.»