Tanzen lässt sich nicht digitalisieren: Was das Ostschweizer Tanzverbot für die Clubkultur bedeutet

In den Kantonen St.Gallen sowie Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden gilt ein Tanzverbot. Diese Massnahme hilft, die Pandemie einzudämmen. Ohne gemeinsames Tanzen ist aber auch ein Kulturgut bedroht: Die Clubszene liegt im Sterben.

Roger Berhalter
Drucken
Teilen
Tanzen ist Musikhören mit dem ganzen Körper: Das aktuelle Tanzverbot trifft die Clubkultur mitten ins Herz.

Tanzen ist Musikhören mit dem ganzen Körper: Das aktuelle Tanzverbot trifft die Clubkultur mitten ins Herz.

Bild: Getty

An diesem Wochenende wird nicht getanzt. Zumindest nicht in den St.Galler, Ausserrhoder und Innerrhoder Clubs, wo wegen Corona ein Tanzverbot gilt. Zwar dürfen die Clubs weiterhin öffnen, doch wozu?

Es gibt vieles, was man in Pandemiezeiten ersetzen oder ins Digitale verlegen kann. Der Lockdown im Frühling hat das bewiesen. Aber Tanzen lässt sich weder digitalisieren noch keimfrei betreiben. Es ist etwas vom Analogsten und Sinnlichsten, das es gibt. Es braucht dazu menschliche Körper.

Der Club öffnet, wenn der brave Bürger ins Bett geht

Das aktuelle Tanzverbot trifft eine ganze Kulturform in ihrem Kern: die elektronische Clubmusik. In den 1980er-Jahren wurde sie in Chicago erfunden, als Produzenten die stampfenden alten Disco-Hits mit neuartigen synthetischen Klängen kombinierten.

Die hypnotisch-repetitive Musik schwappte über nach Europa, wo die Rave-Szene explodierte. Unzählige Clubs nahmen den Betrieb auf und öffneten dann, wenn der brave Bürger ins Bett ging. Seither pulsiert das Nachtleben, seither wird in Clubs getanzt.

Der Bass dröhnt, die Rhythmen peitschen, der Körper vibriert

In den Feuilletons kommt diese Clubkultur nur selten vor. Dies, weil deren Werke eben nicht so leicht zu konsumieren und nur auf der Tanzfläche zu finden sind. Anders als ein Song, ein Buch oder ein Bild. Das Clubkunstwerk entsteht erst auf dem Dancefloor, wenn der Bass dröhnt und die Rhythmen peitschen und der ganze Körper vibriert.

Clubmusik muss laut sein, erst dann entfaltet sie ihre Kraft. Hört man sie nur mit den Ohren, versteht man sie nicht. Es braucht dazu den ganzen Körper; man muss dazu tanzen.

Spätestens mit Sitzpflicht und Tanzverbot wird es absurd

Alle Massnahmen, die Bund und Kantone seit Beginn der Pandemie getroffen haben, zielen direkt ins Herz der Clubkultur. Diese Musik ist ja gerade für Orte gemacht, wo Menschen zusammenkommen und feiern. Es ist gemeinschaftsorientierte, im Moment entstehende, gleichzeitig tiefgehende und flüchtige Kultur.

Mit Maske mag das vielleicht noch gehen. Spätestens mit Sitzpflicht und Tanzverbot aber nicht mehr. Natürlich ist jetzt nicht die richtige Zeit, um ausschweifende Partys zu feiern, wie der Thurgauer Gesundheitsdirektor neulich etwas gar bemutternd verkündet hat. Aber ebenso klar ist, dass ein europäisches Kulturgut akut bedroht ist: Die Clubszene liegt im Sterben.

Höchstens noch im Tanzstudio

Während sich in Theatern und Klassiksälen die Menschen schon seit Monaten wieder zum Kulturgenuss treffen, müssen Clubgänger weiterhin zu Hause bleiben. Die DJs sehen sich derweil nach neuen Jobs um. Wer tanzen will, muss dies in nüchternem Rahmen tun: zu Hause oder im Tanzstudio.

Was fehlt uns, wenn wir nicht gemeinsam tanzen? Wenn die Ekstase, der Kontrollverlust wegfällt? Wenn wir Masken tragen, Abstand halten und dem DJ höchstens noch am Bildschirm zuhören? Auch diese Fragen wird die Pandemie beantworten.