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Tanz um den goldenen Bestseller

Die Österreicherin Marlene Streeruwitz legt mit «Nachkommen.» einen Roman über den ausgehöhlten Buchmarkt und die von Marketing beherrschte Welt vor. Am Montag präsentierte sie das Werk im Alten Botanischen Garten Zürich.
Valeria Heintges
Deckenleuchte aus dem Baum: Marlene Streeruwitz im Alten Botanischen Garten Zürich (Bild: ky)

Deckenleuchte aus dem Baum: Marlene Streeruwitz im Alten Botanischen Garten Zürich (Bild: ky)

Am Morgen für die Totenvisite an die Leiche ihres Grossvaters, am Abend zur Verleihung des Deutschen Buchpreises, für den die 19-Jährige Nachwuchsautorin nominiert ist: Nelia Fehn wird viel zugemutet. Die beiden nächsten Tage treibt sie durch Frankfurt am Main und trifft erstmals ihren Vater, «dessen Tochter sie nie gewesen war».

Sicht einer 19-Jährigen

Marlene Streeruwitz, 60 Jahre alt, sieht den Buchmarkt und die Welt durch die Augen einer jungen Frau. Das Ergebnis ist noch brutaler, als es Leser der überzeugten Feministin und renommierten, politisch aktiven Schriftstellerin gewohnt sind.

Denn an Nelia Fehn zerrt die missgünstige Familie ihrer verstorbenen Mutter. Die empfindet Nelias autobiographischen Roman als Zumutung. Zudem ist Nelia mit ihrem Roman aus dem krisengeschüttelten Griechenland in eine von Männern dominierte Verlagswelt geraten. Die kämpft mit dem Überleben, tanzt trunken um den goldenen Bestseller und ist mehr an der Vorzeigbarkeit junger Frauen als an Inhalten interessiert. Nelia aber ist pleite: Als Debütantin hat sie bisher noch kein Honorar für ihr Werk gesehen.

«Ich habe den Blickwinkel der grösstmöglichen Brennweite gewählt», erklärt Marlene Streeruwitz am Montagabend im Alten Botanischen Garten Zürich. Dort stellte sie zur Eröffnung des Open-Air-Literatur-Festivals ihr Buch vor. 2011 stand sie selbst mit «Die Schmerzmacherin.» auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Vermarktung über alles

Eine Abrechnung ist ihr Werk nicht. Denn Streeruwitz' Diagnose einer um sich selbst kreisenden Wirtschaft, in der die Vermarktung eines Produktes wichtiger ist als dessen Qualität, trifft nicht nur auf den Buchmarkt zu, sondern entlarvt das sinnentleerte Lügengebilde moderner Gesellschaften.

Und so stolpert Nelia Fehn politisch hellwach und mit viel Intelligenz ausgestattet auf der Preisverleihung und der Buchmesse herum. Als Fremde, als Aussenseiterin durchschaut sie hellsichtig die Mechanismen: «Die Literatur war am Ende. Alles andere war wichtiger geworden. Und es ging um den Abstieg.» schreibt Marlene Streeruwitz in ihrem typischen Stakkato-Stil, der Kürzestsätze wie Gedankenfetzen aneinanderreiht.

Inhalte spielen keine Rolle mehr, Vermarktung ist alles. Dabei hat Nelia Fehn mit «Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland» einen Roman geschrieben, den zu lesen sich lohnen könnte. Denn in ihrem Leben dort spürt Nelia die Auswirkungen der Krise, in der sich das Land befindet: Menschen in Armut und in ständiger Angst vor Zwangsräumungen. Auf einer Demonstration zermalmt ein Polizeiauto ihrem Freund Georg beide Füsse. Nicht einmal das üppige Preisgeld hätte gereicht, um die Operation zu bezahlen.

Buch im Buch erscheint auch

Das Buch «Die Reise einer Anarchistin in Griechenland» wird übrigens im Herbst im S. Fischer Verlag erscheinen, Autorin: Marlene Streeruwitz als Nelia Fehn. «Nelia Fehns autobiographischer Roman», heisst es in der Verlagsankündigung, «ist ein wütendes Plädoyer gegen die Diktatur des Geldes und das Bekenntnis einer mutigen Gerechtigkeitsfanatikerin»,

In «Nachkommen.» reist Nelia Fehn nach Frankfurt in der Hoffnung, mit den Bücherfreunden die Gespräche fortführen zu können, die sie mit ihrer Mutter bis zu deren Tod vor vier Jahren führen konnte. Ihre Trauer darüber bringt Nelia bis heute an den Rand einer Depression, war ihr die Mutter doch Bezugspunkt, Vorbild im Leben und als Autorin zugleich.

In dieser Figur der – beinahe makellosen – Mutter hat sich Marlene Streeruwitz selbst in das Buch hineingeschrieben. In Zürich sagte sie: «Ich hätte meine Töchter nicht zu so kritischen Personen erziehen dürfen, das Leben würde ihnen leichter fallen.» Das würde wohl auch Dora Fehn sagen, Nelias Mutter. Als rebellische Freigeister stossen Mutter und Tochter ständig an die engen Grenzen des grosselterlichen Hauses in der österreichischen Provinz.

Mitdenkende Leser gefordert

Auch Nelias Vater, der sich ihr in Frankfurt aufdrängt, beisst sich an der Sturheit und intellektuellen Schärfe seiner Tochter die Zähne aus. Die Begegnung zwingt Nelia dennoch, sich mit sich selbst, ihrer Herkunft und ihren Wünschen an die Zukunft auseinanderzusetzen.

Marlene Streeruwitz fordert mit «Nachkommen.» den mitdenkenden Leser, der sich in ihren speziellen Stil einzulesen gewillt ist. Sie belohnt ihn mit einem Text, dem man nicht zustimmen muss. Der aber bestechend argumentiert.

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