TANZ: Durch den Irrgarten der verwirrten Wesen

Junge Choreografen aus der Tanzkompanie des Theaters St. Gallen präsentieren in der Lokremise St. Gallen ihre neuen Stücke zum Thema «Lokomotion». Diese führen in schrille, verrückte und düstere Welten.

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Tanz am Tisch: «Io ed io» von Lorenzo Ruta. (Bild: Lorena La Spada)

Tanz am Tisch: «Io ed io» von Lorenzo Ruta. (Bild: Lorena La Spada)

Ein Mann sitzt an einem Tisch, seine Hand hat er um ein Glas gelegt. Am Boden liegen weisse Masken. Etwas Bedrückendes schwebt im Raum. Mit dieser Szene beginnt das Tanzstück «Io ed io» von Lorenzo Ruta von der Kompanie des Theaters St. Gallen. Der Mann schiebt das Glas hin und her, Eiswürfel klirren. Dann setzt er eine weisse Maske auf und beginnt seinen Tanz. Statt Eiswürfel klirren lässt er nun Knochen knacken. Weiss und blau blitzende Scheinwerfer tauchen die Bühne in ein Lichtermeer. Dann färbt sich alles rot. Es wirkt wie ein Totentanz, als Ruta die Maske auf seinen Hinterkopf setzt und verkehrt herum tanzt. Den Rücken dem Publikum zugewendet, starrt einen das leblose Gesicht an. Am Ende wirft er sie von sich und trinkt das Wasserglas leer.

Es ist das Stück, das am meisten Applaus erhielt an der Premiere am Mittwochabend in der Lokremise. Erstmals stellten junge Choreografinnen und Choreografen der Tanzkompanie sowie der Cinevox Junior Company ihre eigenen Stücke vor. Alles sei erlaubt, solange es der künstlerischen Weiterentwicklung und Fortbewegung – der «Lokomotion» – dient, heisst es in der Einladung von Tanzchefin Beate Vollack. Es sollte ein Abend werden mit kurzen und längeren Stücken sowie mit witzigen, bedrückenden und schrillen Szenen. Diese katapultieren das Publikum in einen Dschungel, mitten in einen Krieg und an einen Flughafen.

Vom Dschungel nach Pearl Harbor

Mit Vogelgezwitscher beginnt «Guru Guru» von Jens Trachsel. Zusammen mit seiner Tanzpartnerin schleicht er kriechend über die Bühne. Die beiden sind Bewohner des Dschungels. Man hört ein Didgeridoo und Trommeln. Jeder Muskel ist bis zum Zittern angespannt. Tanz wird zum Überlebenskampf. Er artet in eine emotionsgeladene Schlägerei aus. Herrscht Krieg, dann verschwinden die Emotionen hingegen. Das wird in «Tokyo Rose» von William John Banks deutlich. Wie Roboter und Marionetten wirken seine drei Tänzer. Ihre Gesichter sind eingefroren, die Kleider mit Blut verschmiert. Die Tänzer sind fremdgesteuert und manipuliert. Man hört Bomben einschlagen und immer wieder eine Stimme «Pearl Harbor» sagen. Aus dem Radio dröhnt Propaganda. An diesem Ort möchte man nicht leben.

Viel eher könnte man sich vorstellen, in die sanfte Traumwelt zu entfliehen wie sie Robina Steyer in «What Power Art Thou» inszeniert. Sie lässt zwei Tänzerinnen miteinander verschmelzen. Beine und Arme umschlingen sich, fliessend gehen die Bewegungen von einem Körper in den anderen über. Doch wie lange hält diese Zweisamkeit? Die Harmonie ist stets von Kälte bedroht. Um Nähe und Distanz geht es auch in «The Greatest Bastard» von Emmanuel Gázquez. Sein Stück ist ein Spiel mit der Einsamkeit: Zwei Männer tanzen mit einer Frau, aber eine Person ist immer zu viel.

Smalltalk ist «Ansichtssache»

Zu den Highlights des Abends gehören «Ansichtssache» von Stefanie Fischer und Robina Steyer sowie «Alpentraum» von Félix Duméril. Wieso muss jemand nach der wunderschönen, melancholischen und dramatischen Musik der vorherigen Stücke so aufdringlich und oft «Grüezi» von der Bühne schreien? Ah, es ist Smalltalk! Und ob man den mag, ist eben «Ansichtssache». Gute Laune trifft auf miese Stimmung, Disco-Pop kämpft gegen Hardcore. Auch bei «Alpentraum» wird es völlig schräg. Die Schweiz verwandelt sich in ein Wunderland: Es gibt Tänzer mit Stirnlampen, verdrehte Wesen, Flight Attendants, Käse, Schoggi, Pünktlichkeit, Jodellieder, Alphörner und asiatische Touristinnen. In Zaum gehalten wird das wirre Durcheinander mit roten Absperrbändern wie es sie am Flughafen-Check-in gibt. «Alpentraum» gipfelt in einem Menschenhaufen, von dessen Spitze eine Asiatin «Switzerland» schreit. Dann löscht das Licht. Schade, man hätte sich gewünscht, noch in weitere Welten eintauchen zu können. Denn die fast zweistündige Lokomotion-Aufführung verging wie im Flug.

Nina Rudnicki

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

Weitere Vorstellung morgen, 3. Juni, 20 Uhr, in der Lokremise