Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

TANZ: Drosselmeiers Traumzirkus

Das Zürcher Ballett präsentiert mit Christian Spucks «Nussknacker und Mausekönig» eine neue Version des Tschaikowski-Klassikers: Eng an der Vorlage, raffiniert und doppelbödig – doch auch nicht zuckerfrei.
Bettina Kugler
Immer im rechten Moment zur Stelle: Die Clowns, hier mit dem verzauberten Prinzen (William Moore). (Bild: Gregory Batardon)

Immer im rechten Moment zur Stelle: Die Clowns, hier mit dem verzauberten Prinzen (William Moore). (Bild: Gregory Batardon)

Bettina Kugler

Staub rieselt aus der weissen Perücke, wenn sich die beiden Clowns in Pate Drosselmeiers mechanischem Kabinett unbeobachtet fühlen und sich mit Tänzchen die Zeit vertreiben. Wie Porzellanfiguren einer Spieldose sehen sie aus, doch mit der Anmut hapert es noch gewaltig – Yen Han und Matthew Knight treiben das kunstfertig und verspielt auf die Spitze; ein dritter Clown (Ina Callejas) kauert in der Ecke und spielt dazu die Nussknacker-Hits auf dem Akkordeon. Gerade diese Widerspenstigkeit macht den Rahmen zu Christian Spucks choreografischer Neuinterpretation des «Nussknackers» so unwiderstehlich, so skurril und schräg.

Nicht Bonbonduft liegt in der Luft, sondern Zirkus, Zaubertricks und Illusionskunst. Dafür sind sogar die Galerien des Opernhauses mit nostalgischen Leuchtketten versehen; die Philharmonia Zürich unter Paul Connelly rückt Tschaikowskis Musik immer wieder nahe an die sinnliche Welt der Manege heran. Und sie erklingt in ungewohnter Reihenfolge, was von Beginn an die Sinne schärft für die Geschichte, die hier erzählt wird.

Spagat zwischen Kulinarik und Handlungsballett

Der Zürcher Ballettchef hat sich nicht weniger vorgenommen als die Entstaubung des Ballettklassikers, der vielerorts zur (Vor-)Weihnachtsfolklore gehört wie Lebkuchen und Gänsebraten. Eine Gratwanderung ist es durchaus: Die kulinarischen Erwartungen an Tschaikowskis Zuckerschlacht genüsslich zu bedienen und gleichzeitig zu unterlaufen. Doch Christian Spuck kann sich auf seine technisch wie darstellerisch bravouröse Kompanie verlassen, und er beweist Einfallsreichtum als Erzähler eines veritablen Handlungsballetts. Was ja der «Nussknacker» in der gängigen Version allenfalls ansatzweise ist, bevor das Stück ins Reich der Süssigkeiten entschwindet und reines Divertissement bietet, ein Nummernfeuerwerk.

Spuck besinnt sich stattdessen auf die literarische Vorlage, E. T. A. Hoffmanns Erzählung «Nussknacker und Mausekönig»: So lautet auch der Titel des Tanzstücks. Mit Hoffmanns abgründiger Welt kennt Spuck sich aus; er hat bereits Ballettfassungen kreiert zu «Der Sandmann» und «Das Fräulein von Scuderi». Ganz neu ist seine Idee, das Binnenmärchen im «Nussknacker» auf die Bühne zu bringen, allerdings nicht. Philipp Egli hat 2003 am Theater St. Gallen die Geschichte von der harten Nuss und der Prinzessin Pirlipat ebenfalls miterzählt und die Figur des träumenden Mädchens Marie einem Reifungsprozess ausgesetzt.

Hoffmannesk abgründig: Der Pate und Magier

In Zürich bleibt die Handlung den ganzen Abend lang in der Schwebe zwischen Illusion und Wirklichkeit, raffiniertes Kunststück und Spiel im Spiel, angezettelt von einer hoffmannesk schillernden Gestalt: dem Paten Drosselmeier. Dominik Slavkovský verkörpert ihn in schauriger Doppelbödigkeit, als Magier mit schwarzem Zylinder und wehendem Mantel, flink, unberechenbar, voller Abgründe. Wie keine andere Figur steht er für Hoffmanns Erzählprinzip der vielfachen Verschachtelung unheimlicher, skurriler Geschichten.

Was die Compagnie dann Szene für Szene aus den riesigen Geschenkspaketen (auf die Bühnenbildner Rufus Didwiszus ebenso wenig verzichten konnte wie auf ein winziges Weihnachtsbäumchen) hervorzaubert, hat einerseits erzählerische Stringenz. Die Charaktere, ob Michelle Willems als Marie, William Moore als Dreifachwesen Nussknacker/Prinz/Neffe oder auch der rotzfreche Bruder Fritz (Daniel Mulligan) werden plastisch und agieren lebensnah bis in die Fingerspitzen. Andererseits schwelgt das Stück nach wie vor in visueller Üppigkeit, besonders in den Ensembleszenen.

Kostümbildnerin Buki Shiff geht in die Vollen: den Hofstaat Prinzessin Pirlipats versetzt sie ins barocke Versailles, Familie Stahlbaum ist bürgerlich herausgeputzt, zum Blumenwalzer tragen die Herren blühende Vollbärte. Ganz ohne Kitsch geht es nicht; zu süss ist die Versuchung, Viktorina Kapitonova als Zuckerfee in einem Tutu voller pastellfarbener Cupcakes herumwirbeln zu lassen – natürlich federleicht. Dabei kommt die romantische Ironie treffsicher über die Rampe, wenn auch nicht ganz so düster, wie es sich der Choreograf vorgenommen haben mag. Schlaflose Nächte? Nein. Aber schwarze Schneeflöckchen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.