TANZ: Ausdruck in jeder Bewegung

Sigurd Leeders School of Dance war in Herisau ein Zentrum des zeitgenössischen Tanzes. Anlässlich des 70. Jahrestages der Schule widmet das Museum für Gestaltung in Zürich ihm eine sehenswerte Ausstellung.

Kristin Schmidt
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Energische Vorwärtsbewegung: Sigurd Leeder mit Tänzerinnen beim internationalen Sommerkurs in Stockholm 1952. (Bild: Foto: Bill Dagen)

Energische Vorwärtsbewegung: Sigurd Leeder mit Tänzerinnen beim internationalen Sommerkurs in Stockholm 1952. (Bild: Foto: Bill Dagen)

Kristin Schmidt

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

Sigurd Leeder war ein begnadeter Tänzer, ein formbewusster Choreograf, ein Notationsspezialist, ein genialer Tanzpädagoge – es gibt viele Gründe, den 1902 in Hamburg geborenen Tanzautodidakten mit einer Ausstellung zu feiern. Das Museum für Gestaltung hat sich dieser Aufgabe mit spürbarer Begeisterung angenommen. Es ist die erste Ausstellung des Hauses zum Thema Tanz und sie ist gut platziert und strukturiert.

Seit knapp drei Jahren ist das Museum für Gestaltung im Zürcher Toni-Areal untergebracht und befindet sich hier in direkter Nachbarschaft zur Zürcher Hochschule der Künste. So sind nicht nur die Studierenden des Bachelor Tanz in nächster Nähe – sie tanzten anlässlich der Ausstellungseröffnung –, sondern auch angehende Vermittler, Gestalterinnen, Medienschaffende. Die Ausstellung öffnet sich mit einem grossen Fenster zum Foyer der Hochschule und stimmt mit Filmausschnitten auf die Präsentation der Figur und des Schaffens von Leeder ein.

Internationale Schüler in Herisau

Die Ausstellung selbst ist nach Themenschwerpunkten gegliedert. Leeder wird als Tänzer porträtiert, als Tanzpädagoge vorgestellt und als Weiterdenker der Labannotation präsentiert. Immer wieder ist das Originalmaterial auf sinnvolle Art und Weise verzahnt: Reinschriften der Notationen werden Fotografien der entsprechenden Sequenzen gegenübergestellt. Filmausschnitte zeitgenössischer Interpretationen beweisen die Gültigkeit der viele Jahrzehnte alten Bewegungssprache. Masken und Kostüme überführen die fotografische Dokumentation in eine dreidimensional anschauliche Form. Das historische Material in «Sigurd Leeder – Spuren des Tanzes» stammt aus dem Nachlass Sigurd Leeders. Grete Müller hatte das Vermächtnis ihres Mentors aufbewahrt und 2010 dem Schweizer Tanzarchiv übertragen, das sich dadurch einen Platz auf der Liste der weltweit wichtigsten Tanzarchive erwarb. Die gebürtige Herisauerin hatte sich in der 1947 in London gegründeten Sigurd Leeder School of Dance zur Fachlehrerin für Tanz und Choreografie ausbilden lassen und führte die Schule ab 1964 gemeinsam mit Leeder in Herisau weiter. Hier im Ausserrhodischen vermittelte Leeder bis zu seinem Tode 1981 sein immenses Wissen an eine internationale Schülerschar weiter. Unterrichten hiess bei ihm stets, das Ganze im Blick zu behalten. Er lehrte die Tanzschaffenden, in jeder Bewegung eine Ausdrucksabsicht zu transportieren und integrierte auch Notation in den Unterricht, denn Tanz aufzuschreiben und Choreografien damit bewahren zu können, war ein wesentliches Ziel seiner Ausbildung. Seine Schülerinnen und Schüler schliesslich strömten von Herisau aus in die Welt hinaus und führten Leeders Werk fort und entwickelten es weiter.

Mit jedem Bild öffnet sich eine kleine Bühne

Viele der ausgestellten Aufnahmen entstanden in jenem Raum, der heute den Tanzraum Herisau beherbergt. Dieses alte Fotomaterial, die Originalnotationen bestimmen die Gestaltung der Ausstellung, denn sie sind licht-empfindlich. Deshalb ist die Präsentation in einem stark abgedunkelten Raum eingerichtet, und so öffnet sich mit jedem Bild, mit jedem Film eine kleine Bühne für das Schaffen Leders.

Bühnen bietet auch die Parallelausstellung des Zürcher Museums für Gestaltung: «Lasst die Puppen tanzen» fordert die Schau auf. So wörtlich zu nehmen ist dieses Motto nicht. Zwar ist den gezeigten Marionetten und Handpuppen unter den Händen ihrer Spieler einiges an Dynamik zuzutrauen, und historische Filmaufnahmen vermitteln davon einen Eindruck, aber die Exponate bleiben überwiegend statisch. Das Augenmerk liegt in dieser Präsentation des hochkarätigen Sammlungsbestandes vor allem auf der Gestaltung und Kostümierung der Figuren und auf ihrem Entstehungskontext.

Bis 30. Juli, Toni-Areal, Zürich