Tanger unter Blau

Im Zusammenhang mit dem Tanger Trance Festival im marokkanischen Monat März zeigt Francesco Bonanno in seiner Galerie Macelleria d'Arte die Bilder der Fotografin und Autorin Amsel.

Brigitte Schmid-Gugler
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Verliebt in Tanger im doppelten Wortsinn, festgehalten von Amsel. (Bild: Michel Canonica)

Verliebt in Tanger im doppelten Wortsinn, festgehalten von Amsel. (Bild: Michel Canonica)

Blauer Himmel, meistens. Hie und da ins Dämmerlila wechselnd. Wasser. Meer. Ankommen. Fernweh. Warten. Vor allem das Gespür fürs Warten plätschert einem aus den Bildtafeln wie das Meerufer entgegen. Sein züngelndes Locken ist allgegenwärtig und den Menschen so vertraut, dass sie bei seinem Anblick in eine meditative Ruhe zu sinken scheinen. Und doch, gerade in diesen Tagen, will man dieser somnambul-friedlichen Trägheit nicht recht trauen. Tanger liegt in Nordafrika und obschon gleich beim Eingang der Galerie der als gemässigt geltende marokkanische König Mohammed VI. unbehelligt aus seiner Limousine den Zaungästen zuwinkt, könnte der Funken auch hier zum Lauffeuer werden. Das Vermögen des «Roi des pauvres» wird auf zwei Milliarden Euro geschätzt.

Stolz und Würde

Die Fotografin Amsel alias Franziska Selma Muheim zeigt das intakte, heile Tanger. So schön, dass es blendet. Die Farben und Bildstills anziehend, betörend, dass man mitgeht, mitwartet, mitriecht. Dabei sitzt sie auf der Mauer beim Quai, der jungen Frau mit Kopftuch folgt, deren Blick den nackten schlanken Oberkörper eines Mannes streift. Das mediterrane Blau dieser Alltagsimpressionen könnte einem Ferienprospekt entnommen sein, das Grün der Minze fliegt ungefiltert in die Nase; weisse Tücher hängen wie Segel im Wind, das – ebenfalls blaue – Übergewand des Flachmalers vor dem bauen Haus stimmt höchstens den Skeptiker blümerant.

Orangenbaum vor üppigem Rosengarten; eine Frau, die auf einer Treppenstufe sitzend ihr Make-up prüft; Männer im Teehaus, die Köpfe in eine Richtung, wohl in diese des Fernsehers und dort vermutlich aufs laufende Fussballspiel gerichtet. Amsel zeigt die Menschen in Tanger in ihrem Stolz und lässt ihnen ihre Würde, hält ihnen mehr noch als uns die «Sonnenseite» dieses nordafrikanischen Landes wie einen Spiegel vor. Und nur das Wissen um die Ereignisse der letzten Wochen mahnt uns daran, wie schnell sich diese Idylle in ihr Gegenteil verkehren kann. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Florian Vetsch setzt sie sich, die in Tanger und Zürich lebt, mit dem zu Bewahrenden, der Tradition, dem Geheimnisvollen in der nordafrikanischen Hafenstadt auseinander.

Seit Jahren erfolgreich

Aus diesem reichhaltigen Sammelgut entstand der im Benteli Verlag erschienene viersprachige Bild- und Textband «Tanger Trance». Ein Teil der im Buch versammelten Fotografien wird seit drei Jahren an Ausstellung gezeigt, das letzte Mal im vergangenen Herbst im Museum Rietberg in Zürich. In St. Gallen wird die Ausstellung mit einer Lesung zum Gedenken an den vor zwei Monaten verstorbenen Hadayatullah Hübsch abgeschlossen. Der Beat-Lyriker, Underground-Veteran und Publizist konvertierte 1970 zum Islam; er veröffentlichte Lyrik, Prosa, Collagen, Romane, Essays und schrieb u. a. für «Die Welt», «taz» und die «Süddeutsche Zeitung».

Galerie Macelleria d'Arte; Finissage 25. März, Lesung 19 Uhr; mit dem Tanger Trance Festival einher geht eine Filmreihe im Kinok; siehe www.kinok.ch