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«Talente werden verheizt»

Interview Als Sänger hat sich Bariton Thomas Quasthoff von der Bühne verabschiedet; zu sagen hat er noch immer viel. Ob Talk oder Meisterkurs: Intelligente Unterhaltung liegt ihm am Herzen, mit oder ohne Schubert. Bettina Kugler
Abschied ohne Wehmut: Quasthoff bleibt der Bühne treu – aber abseits vom «Affentheater». (Bild: ap/Peer Grimm)

Abschied ohne Wehmut: Quasthoff bleibt der Bühne treu – aber abseits vom «Affentheater». (Bild: ap/Peer Grimm)

Herr Quasthoff, im Januar 2012 haben Sie Ihre Karriere als Konzert- und Opernsänger beendet – aus gesundheitlichen Gründen, wie es hiess. Hier in Schwarzenberg beim Meisterkurs machen Sie aber einen sehr vitalen Eindruck. Laden Sie als Lehrer die Batterien wieder auf?

Thomas Quasthoff: Es gab nicht nur gesundheitliche Gründe; man trifft eine solche Entscheidung ja nicht aus einer Laune heraus, sondern nach reiflicher Überlegung. Ich bin jetzt 52, übe den Beruf seit fast vierzig Jahren aus und merke: mit der Zeit wird man des Reisens müde. Ich habe so viele Beziehungen scheitern und Ehen kaputtgehen sehen unter Künstlern – das möchte ich nicht, dafür ist mir meine Familie zu wichtig. Ich unterrichte seit 1996 und mache das gern. Und ich bin gern zu Hause in Berlin!

Wenn Sie mit jungen Sängern arbeiten oder neben Kollegen wie Michael Volle nun als Erzähler fungieren – verspüren Sie da keine Wehmut? Sie standen doch immer mit mindestens 120 Prozent auf der Bühne.

Quasthoff: Nein, da ist überhaupt keine Wehmut. Dass ich nicht mehr als Sänger auftrete, heisst ja nicht, dass ich die Musik weniger liebe. Ich möchte bloss den Stress nicht mehr haben. Das Musikgeschäft wird immer oberflächlicher und schneller, da wird heute ein Star entdeckt und hochgepusht, bis zur Erschöpfung durchgereicht – so verheizt man Talente. Rolando Villazon ist nur ein prominentes Beispiel unter vielen. Kollegen übernehmen Rollen, die gar nicht ihr Fach sind; junge Künstler bekommen keine Zeit, zu reifen. Diesem Affentheater trauere ich wirklich nicht nach.

Wie ist es denn um den Sängernachwuchs bestellt?

Quasthoff: Na, Sie haben doch den jungen Schweizer Mauro Peter am Montag mit der «Schönen Müllerin» erlebt: Das war ein solcher Genuss, sowohl die Stimme als auch die Ausstrahlung, diese Natürlichkeit! Es gibt nach wie vor grosse Begabungen, und wenn sie auf die richtigen Leute treffen, werden sie sich prächtig entwickeln. Mit Anfang zwanzig fehlt es den meisten vor allem noch an Courage, später trauen sie sich mehr. Das Leben formt von ganz allein! Da hatte ich es vielleicht mit meiner Behinderung ein bisschen leichter. Wäre nur nicht das unsägliche Bachelor-Master-System mit der verkürzten Studienzeit. Für die Entwicklung von Persönlichkeit lässt das wenig Raum.

Was erwartet die jungen Sänger denn draussen, vor den Toren der Musikhochschulen?

Quasthoff: An vielen Opernhäusern geht es knallhart zu; nicht immer steht Qualität an erster Stelle. Beziehungen spielen eine Rolle, Geschmacksfragen. Auch das Publikum tut oft sehr wichtig und «schlauschissig», wenn es mäkelt. Ich wähle hier für den Kurs sicher keine Leute aus, die nicht singen können! Aber es wird auch viel bejubelt, worüber ich nur den Kopf schütteln kann. Lernen müssen die jungen Sängerinnen und Sänger vor allem, ab und zu Nein zu sagen, um gesund zu bleiben. Manche Rollen tun zu früh einfach nicht gut.

Sie widmen den diesjährigen Meisterkurs dem im Mai verstorbenen Dietrich Fischer-Dieskau. Ist sein Tod ein Einschnitt für die Kunst des Liedgesangs?

Quasthoff: Ich störe mich immer ein wenig daran, wenn man das Lied so ausschliesslich mit seiner Person verbindet. Für mich waren Sänger wie Hermann Prey oder Anneliese Rothenberger ebenso wichtig als herausragende Liedinterpreten, und nach Fischer-Dieskau ist diese Kunst nicht am Ende. Nehmen Sie Sänger wie Christian Gerhaher oder Jonas Kaufmann. Sicher hatte Fischer-Dieskau seine Meriten. Aber in späteren Jahren hat er sich hier auch ein wenig als Kunstfigur zelebriert, statt den Jungen zuzuhören und etwas mitzugeben.

Was könnte man denn tun, um das Lied in einem guten Sinne «populärer» zu machen?

Quasthoff: Jedenfalls nicht das, was ich bei manchen Kollegen beobachte, die sonst Oper singen und ab und zu einen Liederabend reinschieben, für den sie dann noch in die Noten schielen müssen. Reinste Antiwerbung ist das! Wenn aber ein Sänger etwas zu sagen hat wie Mauro Peter: Das reisst die Leute völlig zu Recht von den Sitzen. Es geht um Wahrhaftigkeit. Das Lied braucht mehr «Schubertiaden»; offene Meisterkurse sind ebenfalls sehr anregend. Von den Fernsehsendern hingegen verspreche ich mir nicht viel: Die beharren darauf, dass die Leute ja keine klassische Musik hören mögen, und bringen sie dann etwa um 23.45 Uhr als Sendung für das aufgeweckte Kind.

Neben Ihrer Lehrtätigkeit moderieren Sie neu auch «Nachtgespräche» im Berliner Konzerthaus. Worum geht es da?

Quasthoff: Die Gäste kommen aus Politik und Kultur, etwa die Schauspielerin Katharina Thalbach oder SPD-Mann Frank-Walter Steinmeier. Ich mag Menschen, und ich mag intelligente Gespräche – und das führen wir da, etwa eine Stunde lang. Wenn es neue Horizonte öffnet und Interesse an den jungen Künstlern weckt, die den musikalischen Rahmen gestalten: umso besser.

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