«Take a Bite of the Wild Slice»

Lou Reed ist seit einem Monat tot und schon stürzt sich der Anti-Folk auf sein Werk. Der ehemalige Kinderstar Macaulay Culkin hat die Band The Pizza Underground ins Leben gerufen und dichtet aus Lou-Reed-Songs Lobeshymnen an Pizza.

David Nägeli
Drucken
Teilen
Die Pizza Underground-Variation des berühmten Warhol-Covers. (Bild: pd)

Die Pizza Underground-Variation des berühmten Warhol-Covers. (Bild: pd)

Als 1967 das Album «The Velvet Underground & Nico» mit dem mittlerweile weltberühmten Bananen-Cover von Andy Warhol auf den Markt kam, interessierten sich nur wenige für die primitiv gespielten, provokativ getexteten Songs von The Velvet Underground. Knapp 30 000 Exemplare konnten Warhols Schützlinge verkaufen, doch «jeder, der eine der 30 000 Kopien gekauft hat, hat eine Band ins Leben gerufen», sagte der legendäre Musikproduzent Brian Eno dem «Guardian». Macaulay Culkin, der Kinderstar aus «Kevin allein zu Haus», muss einer davon gewesen sein.

Aus Sadomaso wird Pizza

«Such a Pizza day / I'm glad I spend it with you / You just keep the oven on», singt Culkin mit The Pizza Underground in der Melodie des Klassikers «Perfect Day». Aus Lou Reeds Liebeslyrik über das Rumhängen im Central Park mit seiner ersten Frau wird eine platte Posse – ein Scherz, beinahe so flach wie eine Pizza nach uritalienischem Rezept. Die berühmte Banane, welche Andy Warhol für The Velvet Underground geschaffen hat, wird zum Fisch modifiziert und aus «All Tomorrow's Parties» wird «All the Pizza Parties». Aus Sadomaso-Sex wird Pizza, aus Prostitution wird Pizza, aus Heroin wird Pizza – ein leicht monothematisches Acht-Minuten-Medley, das Culkin und Co. auf der Musikplattform Bandcamp veröffentlicht haben.

Die Musik wurde live in Culkins Haus aufgenommen – doch man fragt sich: Weshalb? Ist The Pizza Underground eine Huldigung? Ein Scherz des Kind gebliebenen Kevin, der zu Hause mit seinem Freundeskreis Fertigpizza verspeist hat und die nun alle zusammen im chemischen Taumel der Lebensmittelzusätze halluzinieren und musizieren?

Drohende Ernsthaftigkeit

Ein Blick auf die Band offenbart jedoch: Culkins Mitstreiter (Matt Colbourn, Phoebe Kreutz, Deenah Vollmer und Austin Kilham) entspringen allesamt der Anti-Folk-Szene von New York.

Anti-Folk entstand in den 80ern, als immer mehr Musikanten genug davon hatten, dass ihre Folk-Kollegen mit fixiertem Blick versuchten, singend die Welt zu verändern – und sich zur selben Zeit an Monopolkonzerne und Mainstream verkauften. Die Anti-Folk-Musiker gaben Gegensteuer, reihten Sinnlosigkeit an Sinnlosigkeit, borgten sich die Attitüde der «No Future»-Punks und die akustischen Gitarren des Folks. Zu den bekannten Anti-Folk-Musikern zählen Adam Green (mit dem Culkin bereits mehrmals auf der Bühne stand) oder Billy Bragg. Auch der Multiinstrumentalist Beck steht in dieser Tradition.

Mit Blog und Bildern

The Pizza Underground scheinen derweil viel Freude an ihrer Arbeit zu haben. Zumindest deutet ihr Blog darauf hin: Da werden mit grosser Liebe zum Detail die Covers von Alben oder berühmte Fotografien von Velvet Underground nachgestellt – oder einer Pizza die Sonnenbrille aufgesetzt. Andere Fotos zeigen Culkin und Co. breit grinsend beim gemeinsamen Pizza-auf-Textilien-Pinseln. The Pizza Underground spielt auch ab und an Konzerte. Das erste hat das «Rolling Stone» mitgeschnitten – kurz nach dem Tod von Lou Reed. Was der wohl über «All the Pizza Parties» gedacht hätte?

thepizzaunderground.bandcamp.com.

Aktuelle Nachrichten