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TAFELMALER: Perfektion aus dem Handgelenk

Immer mehr traditionelle Berufe sterben aus, die Schriftenmalerei hingegen wird gerade neu entdeckt. Der St.Galler Mathias Truniger ist einer der wenigen in der Schweiz, die dieses Kunsthandwerk noch beherrschen.
Nina Rudnicki
Mathias Truniger bei der Arbeit mit der Neubeschriftung der Kaffeerösterei Baumgartner in der St. Galler Altstadt. (Bild: Joa Schmid, Büro Sequenz)

Mathias Truniger bei der Arbeit mit der Neubeschriftung der Kaffeerösterei Baumgartner in der St. Galler Altstadt. (Bild: Joa Schmid, Büro Sequenz)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Vor einem Jahr hat sich Mathias Truniger mit einem Beruf selbstständig gemacht, den es eigentlich gar nicht mehr gibt. Der 31-jährige St. Galler ist traditioneller Schriftenmaler. Mit Pinsel, Lackfarbe und Blattgold malt er von Hand Schriften, Illustrationen und Ornamente auf fast alles, was sich beschriften lässt. Restaurants, Cafés und Geschäfte gehören zu seinen Kunden. In St. Gallen hat er beispielsweise die neue Aussenbeschriftung der Kaffeerösterei Baumgartner gemalt, die Getränketafel in der Tankstell-Bar und jüngst das Schaufenster des Cafés Goldkind mit Blattgold beschriftet. Die Schildermalerei läuft gut, Ma­thias Truniger bekommt Anfrage um Anfrage. In seiner Werkstatt «Der Tafelmaler» in Zürich steht gerade eine zwei Meter lange Holztafel. «Italia» ist in der linken Ecke in geschwungenen weissen Buchstaben zu lesen. Die Tafel wird, wenn sie fertig ist, in einem Restaurant hinter der Theke hängen. Mehr darf er aber nicht verraten.

Nach Graffiti die Liebe auf den zweiten Blick

Lieber spricht Truniger darüber, wie er die Schriftenmalerei entdeckt hat. «Es war ei­gentlich Liebe auf den ersten, aber so richtig auf den zweiten Blick», sagt er. Der erste Blick führt zurück in seine Jugendjahre. Damals sprayte er Graffiti. Nach einer Busse liess er vom Sprayen ab, zog nach Zürich und begann an der Zürcher Hochschule der Künste ein Filmstudium. Anschliessend arbeitete er kurze Zeit als Motion Graphics Designer in der Werbefilmbranche, mit der er sich allerdings nicht identifizieren konnte. Daher entschloss er sich, Zivildienst in einem Wohnhaus für Menschen mit körperlicher Behinderung zu leisten. «Ich kam aus dieser schnelllebigen Welt mitten hin­ein in den total entschleunigten Alltag im Wohnhaus. Es ging vor allem darum, bewusst Zeit mit den Bewohnern zu verbringen», sagt er. Im Wohnhaus sah er am ersten Tag eine Tafel, auf der die Mittagssuppe angeschrieben wurde. Am zweiten Tag bekundete er Interesse an diesem Amt. Am dritten Tag hatte er es übernommen. Das war der Moment der Liebe auf den zweiten Blick.

Nach dem Zivildienst bewarb sich Mathias Truniger in demselben Wohnhaus für eine 80-Prozent-Stelle und fing an seinem freien Tag an, Schriften zu malen. Er kaufte sich Kalligrafiebücher, brachte sich mit Videos aus dem Internet verschiedene Techniken wie die Hinterglasvergoldung bei und besuchte in Mailand einen Workshop bei dem bekannten amerikanischen Schriftenmaler Mike Meyer. Dieser hatte seine Begeisterung für dieses Kunsthandwerk ebenfalls als Jugendlicher entdeckt, als er bei einem Stockcar-Rennen die handbeschrifteten Autos sah. Der Workshop inspirierte Truniger. «Als ich den Pinsel in der Hand hielt, war ich wie elektrisiert» sagt er. «Der Pinsel ist seither mein Lieblingswerkzeug, weil ich über ihn spüre, wie die Perfektion aus dem Handgelenk kommt.»

Allerdings handelt es sich dabei um eine andere Perfektion als bei jener von Computerschriften: Handgemalte Schriften sind einzigartig und nicht reproduzierbar. Jeder Schriftzug weicht von ei-nem vorhergehenden ab. Darin liegt laut Truniger das Erfolgsgeheimnis diese Handwerks. «Das Bedürfnis der Menschen nach individuellen und einzigartigen Produkten wird stärker, weil gleichzeitig die Technisierung zunimmt. Es sind zwei parallel laufende Entwicklungen», sagt er.

Mit der Schriftenmalerei erlebt ein Kunsthandwerk eine Renaissance, das im deutschsprachigen Raum in Vergessenheit geraten ist. Als die viel billigeren Computerschriften aufkamen, verschwanden die Schriftenmaler. Etwas anders verhielt es sich laut Truniger hingegen in den USA und in Grossbritannien. Zwar mussten auch dort viele «sign painter», so die englische Bezeichnung, wegen ausbleibender Aufträge ihre Werkstätten aufgeben. Dennoch gab es permanent eine Nachfrage nach traditionell angefertigten Schildern und Schriften. Heute sind die typischen Schilder, Tafeln und Schriften im Vintage-Look wieder überall zu sehen. «Auf diese Weise kam das alte Handwerk als Trend zu uns zurück», sagt er.

Ausmalen mit Blattgold und Kunstharzlack

Zwischen wenigen hundert und mehreren tausend Franken kostet eine Schrift bei Mathias Truniger. Je nachdem, wie viele Stunden oder Tage er an einem Auftrag arbeitet. Seine Schriften entwirft er meist ad hoc vor Ort. Auf Schaufenstern zeichnet er beispielsweise den Schriftzug von aussen auf die Scheibe. Von innen malt er diesen dann mit Blattgold und Kunstharzlack aus. Ist die Schriftart von Kunden vorgegebenen, bereitet Truniger diese zuerst in seiner Werkstatt auf. Er sagt: «Aber so oder so, ich habe immer hohe Ansprüche an mich selbst.» Als Künstler sieht er sich allerdings nicht, sondern viel mehr als Handwerker. «Die Arbeit eines Künstlers sagt meistens etwas über dessen innere Prozesse aus, bei der Tafelmalerei ist das hingegen nicht so», sagt er und fügt an: «Aber ich habe den Job gefunden, von dem ich schon als 16-Jähriger träumte, ohne es damals zu wissen.»

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