Tänzer toben sich im Ring aus

Mit «Uppercut» bringt die Tanzkompanie Rotes Velo einen rituellen Kampf auf die viereckige Bühne. Beteiligt sind fast nur Tänzerinnen und Tänzer des Theaters. Mit dem Stück in der Grabenhalle bekennen sie sich zur freien Szene.

Roger Berhalter
Drucken
Teilen

Die drei Tänzerinnen auf dem Plakat wirken angriffslustig und scheinen – verschwitzt und mit Bandagen – direkt vom Boxtraining zu kommen. Und tatsächlich führt die Tanzkompanie Rotes Velo ihr Stück «Uppercut» wie einen Boxkampf auf: Auf einem weissen Quadrat in der Mitte treten sich fünf Tänzerinnen und Tänzer gegenüber, umringt von den Zuschauern, die von allen Seiten auf das Geschehen blicken. So wie die Dorfbewohner im Text «Ring-side» des argentinischen Autors Daniel Veronese, auf dem das Tanzstück basiert.

Im weissen Ring von «Uppercut» kämpfen drei Frauen um den Sieg: einen Bräutigam. «Wir versuchen den Kampf in neue Bilder zu übersetzen. Wir wollen nicht nur die Brutalität zeigen, sondern gerade auch die Menschlichkeit», sagt Hella Immler, die zusammen mit Choreograph Exequiel Barreras und dem argentinischen Dramaturgen Emilio Diaz Abregu die Tanzaufführung auf die Beine gestellt hat.

Wunsch nach etwas Eigenem

Was auffällt: Fast alle Mitglieder der Kompanie Rotes Velo sind aktuell auch Mitglieder der Tanzcompagnie des Theaters. Einerseits, weil die professionelle Tanzszene in St. Gallen nun einmal klein ist. Anderseits auch aus einem pragmatischen Grund: «Die Proben lassen sich leichter organisieren, als wenn wir mit externen Leuten arbeiten würden», sagt Hella Immler.

Drittens verspüren manche am Theater angestellten Tänzerinnen und Tänzer offenbar den «Wunsch, etwas Eigenes zu kreieren», wie es Immler ausdrückt. Aus diesem Grund hat sie 2011 zusammen mit Exequiel Barreras – auch er Tänzer am Theater – die Kompanie Rotes Velo gegründet. Auch wenn das Proben eigener Stücke neben einer 100-Prozent-Anstellung anstrengend sei, lohne sich die Mühe. «Wir arbeiten stark als Kollektiv und proben in viel kleineren Gruppen. Da ist die Konzentration eine andere», sagt Immler. Sie bezeichnet es als «Glück», dass Marco Santi, der scheidende Tanzchef des Theaters, ihnen diese Freiheit gewähre.

«Rotes Velo» etablieren

«Rotes Velo» soll eine offene(re) Plattform sein und nicht dem reinen Tanz verpflichtet. Die letzte Produktion der Kompanie war zum Beispiel kein Tanzstück, sondern der Dokfilm «Tanz im Alter», der die Arbeit von Hella Immler an der Theatertanzschule zeigt, wo sie Menschen über 50 in Bewegung bringt.

In Zukunft möchte sich Hella Immler noch stärker für die freie Szene engagieren. An der Theatertanzschule wird sie weiterhin Kurse geben, doch die Compagnie des Theaters wird sie bald verlassen, um ihre eigene Truppe weiter zu etablieren. Die Ablösung zeigt sich nicht zuletzt daran, dass Immler mit der Grabenhalle zum ersten Mal einen Raum ausserhalb des Theaters gemietet hat. «Ich habe mir überlegt, woanders hinzugehen, wo die freie Tanzszene grösser ist als hier», sagt sie. Doch mittlerweile weiss sie: «Ich bleibe in St. Gallen.»

Aufführungen von «Uppercut»: 2./9./12.3. sowie 2.5. (Tanzfest), Grabenhalle, jeweils 19.30 Uhr; 23.5., Lokremise, 22 Uhr

Aktuelle Nachrichten