Tänzelnd ins Verderben

Das Theater St. Gallen spielt in der Lokremise «Hedda Gabler» von Henrik Ibsen. Regisseur Volker Schmidt versetzt das Stück um die tödliche Rebellion einer Frau gegen Männer und Konventionen ins Heute – und ins Unverbindliche.

Peter Surber
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Hedda und ihre Männer: Boglárka Horváth bezirzt Richter Brack (Bruno Riedl), hinten Lövborg (Oliver Losehand). (Bild: Ralph Ribi)

Hedda und ihre Männer: Boglárka Horváth bezirzt Richter Brack (Bruno Riedl), hinten Lövborg (Oliver Losehand). (Bild: Ralph Ribi)

Berta, bei Ibsen das Dienstmädchen, heisst jetzt Deidre, ist eine schwarze Tänzerin (Odette Hendricks), hat keinen Text und nimmt das Aufräumen im Hause Tesman-Gabbler nicht ernst. Ab und zu räkelt sie sich katzenartig auf der Szene, ohne Bezug zu den übrigen Figuren. Die Rätselbesetzung ist typisch für diese Inszenierung der «Hedda Gabler»: Der junge deutsche Regisseur Volker Schmidt versucht mit Ibsen aufzuräumen. Und verliert dabei den Ernst des Stücks.

Eine Bücher-Groteske

Das kündigt sich gleich beim ersten Auftritt von Jörgen Tesman an. Frisch verheiratet mit Generalstochter Hedda Gabler, ist er eben im halb renovierten Haus angekommen, packt vor Tante Jule (Pia Waibel) freudig seine Bücher aus – und knallt sie dann unsorgfältig ins Ikearegal. Tesman, diesen Langweiler, wie ihn Hedda schimpft, den lebensfremden Bücherwurm spielt Matthias Albold mit einer sympathischen Tapsigkeit sonst sehr glaubhaft – aber so achtlos geht ein Mann des Buchs nicht mit Büchern um.

Die Sache mit den Büchern kippt am Ende ins Groteske. Eilert Lövborg, Tesmans Gegenspieler, hat sein Manuskript verloren, Hedda hat es verbrannt, und jetzt versucht Eilerts verschmähte Geliebte Thea mit Tesman den Text aus Theas Notizen neu zusammenzupuzzlen. Die Regie macht daraus ein kindisches Spiel mit Post-it-Zetteln. Das ist modisch, aber nicht sachgemäss. Weil keiner die Zettel wirklich liest. Und weil Eilerts Manuskript heutzutage, wenn schon, auf Festplatte gespeichert wäre, unverbrennbar.

Mal cool, mal hot

Solche Logikbrüche zeigen die Crux, Ibsens 1891 uraufgeführtes Gesellschaftsdrama ins 21. Jahrhundert zu projizieren. Die St. Galler Inszenierung baut sich dazu ein ironisches Bühnenbild, mehr Baustelle als Salon (Ausstattung Daniela Kerck). Und Hans Platzgumer steuert laut rockende und rappende Zwischenmusiken bei, zu denen sich Hedda und ihre Spielfiguren mal cool, mal hot in Stimmung und Stellung bringen. Da liegt auch, nach reichlichem Kokskonsum, ein überflüssiger, aber appetitlicher Tabledance mit Thea auf der Ikeatischplatte drin.

Vielleicht ist die Welt der schönen reichen Heddas heute so. Es wäre eine ärmliche Welt. Vielleicht kann man die «Langeweile» dieser Hedda, einer Frau mit allen Privilegien und allem Widerwillen gegen die bürgerlichen Konventionen, auf diese Art in die Gegenwart übersetzen. Aber dann bleibt nur noch Oberfläche. Design ersetzt Tragik – da verhallt am Ende der Schuss, mit dem sich Hedda umbringt, ins Leere.

In diese Welt des tänzelnden Scheins passt die Hedda von Boglárka Horváth perfekt hinein. Eine Frau wie ein junges Pferd, blitzende Schönheit, hochhackiger Männertraum, risslose Fassade, unablässig kreisend im Raum. Da hat Thea (Ines Schiller), naiv, unsicher bis in die geknickten Knie, keine Chance. Aber dafür ein Gesicht, in dem jede Regung sich anrührend spiegelt.

Kein Schrecken, nirgends

An den Fäden von Heddas Launen, genau gesagt: als ihre Jonglierbälle (Boglárka Horváth zeigt, dass sie mit Äpfeln jonglieren kann): die Männer. Tesman, den sie wenigstens nicht lächerlich findet und darum vielleicht geheiratet hat. Eilert Lövborg, einst ihr Geliebter mit «Weinlaub im Haar», den Ensembleneuling Oliver Losehand brüchig spielt und den zwei drei scharf plazierte Wortbälle ins Säuferelend und in die Selbstaufgabe stürzen. Und schliesslich Brack (Bruno Riedl mit Tücke), der als einziger die Bälle mit gleicher Schärfe zurückspielt. Und das letzte Wort hat: «So was tut man doch nicht.»

Was die Regie geschickt tut: Sie findet teils pfiffige Bilder – so die Szene, als Hedda mit dem Diaprojektor Lövborg und Tesman jagt. Und Ibsens Text dadurch ganz neue Untertöne erhält. Doch auch hier bleibt die Stimmung eher kabarettistisch als gefährlich.

Einmal zielt Hedda mit der Pistole ins Publikum. Eine Schrecksekunde. Den Schrecken aber, einen Menschen mit seinem Leben und dem Leben seiner Liebsten spielen zu sehen, erspart uns diese Inszenierung. Seitlich zeigt ein Videobild Rücken und Hände einer gefesselten Frau. Am Ende des Stücks streift sie ihre Fesseln ab. Nicht so die St. Galler Hedda: Sie bleibt gefesselt in den Fallstricken einer Aktualisierung, die dem Seelendrama nicht traut und es durch Seelengeplänkel ersetzt.

Nächste Vorstellungen: 12., 13., 17., 25.11., Lokremise St. Gallen