Zurich Film Festival
Tabuthema Krebs packend umgesetzt

Das Wagnis von Regisseur Michael Schaerer ist geglückt. Mit «Stationspiraten» nimmt er sich dem Thema Krebs auf unvkonvetionelle Weise an.

Evelyne Baumberger
Drucken
Teilen

Herumalbern mit Perücken, Rollstuhlrennen durch Spitalflure, augenzwinkernde Flirts mit Krankenschwestern: Vor solchen Szenen fürchtet man sich, wenn ein «Feelgood-Drama» zum Thema Krebs angekündigt wird. Denn Lachen angesichts des Todes fällt schwer – obwohl Morgan Freeman und Jack Nicholson in «The Bucket List» gezeigt haben, dass es durchaus möglich ist. Die Gefahr besteht, die oft tödlichen Krankheiten durch Witze zu verharmlosen und die Situation zu beschönigen. Und noch grösser ist das Risiko, dem Pathos zu verfallen oder zugunsten von Emotionskino die Realität ausser Acht zu lassen.

Regisseur Michael Schaerer hat gleich mit seinem ersten Langfilm dieses Wagnis in Angriff genommen. «Stationspiraten», der gestern Abend am Zurich Film Festival Premiere feierte, ist ein Remake des spanischen Films «Planta 4a» (2003). Und obwohl all die eingangs genannten Episoden, von Rollstuhlrennen bis Gruppenfoto aus dem Röntgenapparat, vorkommen, ist dem gebürtigen Aargauer ein guter Film gelungen.

Alles scheint leicht und harmlos

Die drei Teenager Benji, Michi und Kevin sind bereits lange auf der Onkologiestation, Sascha wird mit Verdacht auf Knochenkrebs neu eingeliefert, während der kleine Jonas für eine Knochenmarktransplantation nach Zürich überführt wird. Man richtet sich das Leben im Spital ein, geht zu dritt zum Reha-Training, geniesst die Sonne auf dem Balkon, tauscht beim Essen Burger gegen Pudding und tut alles, um die Krankheit, die das Leben jedes der Jungs bedroht, klein erscheinen zu lassen.

Bis diese Szenen eine Balance mit tragischeren, düstereren gefunden haben, bleibt beim Zuschauen die Skepsis bestehen. Es dauert eine Weile, bis ersichtlich wird, dass die Witze und das Herumalbern die Tragik zwar bei den Teenagern, aber nicht für den Film selbst übertünchen sollen. Bis zum Schluss versucht Benji etwa zu verheimlichen, dass er Blut erbricht und dass sein Bein schmerzt, und seine Krankheit ins Lächerliche zieht. Unerfüllte Sehnsüchte wie Benjis Bedürfnis nach Zärtlichkeit oder bei Michi der geplatzte Traum vom Profifussball werden nach und nach sichtbar. Monatelang sind die Jugendlichen gefangen in der Zwischenwelt und der Ungewissheit des Spitalalltags, müssen immer wieder Wünsche begraben und gleichzeitig die lebenswichtige Hoffnung auf Genesung mit unermesslichem Energieaufwand am Brennen erhalten.

Ehrlich und authentisch

Manchmal überwiegt die Angst vor dem Tod, bricht der Humor, und dies verleiht «Stationspiraten» bei aller Leichtigkeit eine Ehrlichkeit und Tiefe, die authentisch wirkt. Der Rhythmus zwischen humorvollen und ergreifenden Szenen funktioniert. Und die starken Darsteller der vier Teenager (Scherwin Amini, Vincent Furrer, Max Hubacher und Nicolas Hugentobler) tragen auch zum Gelingen bei.

Stationspiraten (CH 2010) 93 Min. Regie: Michael Schaerer. Mit: Scherwin Amini, Vincent Furrer, Max Hubacher u.a.Am Zurich Film Festival: Mo, 27. Sept., 20.45 Uhr, Fr, 1. Okt., 13 Uhr, im Kino Corso 2. Ab 4. Nov. im Kino.HHHH