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SYNTHIE-POP: «Wir kümmern uns umeinander»

Dem Duo Orchestral Manœuvres in the Dark (OMD) aus Liverpool sind die Frauen abhandengekommen. Gut für das neue Album «The Punishment Of Luxury».
Steffen Rüth
Lassen sich nicht hetzen: Die Musiker Paul Humphreys und Andy McCluskey. (Bild: Mark McNulty)

Lassen sich nicht hetzen: Die Musiker Paul Humphreys und Andy McCluskey. (Bild: Mark McNulty)

Steffen Rüth

«Wir sind tatsächlich beide wieder Single», sagt Sänger Andy McCluskey (58) mit einer Mischung aus Seufzen und Lächeln. McCluskeys Frau zog nach der Scheidung 2011 wieder in ihren Heimatort San Diego, Kollege Paul Humphreys (57) trennte sich 2013 von der deutschen Sängerin Claudia Brücken (in den 80ern bekannt mit der Band Propa­ganda). Und hier sitzen sie nun. «Zwei mittelalte Männer, näher an der 60 als an der 50, verlassen und einsam», wie Humphreys es nicht frei von Ironie auf den Punkt bringt. Glücklicherweise haben sie einander. Andy: «Wir sind zwei sehr verschiedene Menschen. Und genau deshalb passen wir so gut zusammen. Ja, wir haben ernste Hochs und Tiefs gehabt in den vergangenen Jahren, doch wir kümmern uns umeinander. Am Ende des Lebens werden wir hoffentlich glücklich sein. Bis dahin schreiben wir Songs darüber, wie jämmerlich unsere Existenz ist.»

Trennungslieder kommen auch vor

«The Punishment Of Luxury» haben sie ihr dreizehntes Album genannt, und es ist bemerkenswert gut. Qualitativ kann es das Album locker mit dem 2013 veröffentlichten Vorgänger «English Electric» aufnehmen. Gewieft und motiviert balancieren sie auf dem Grat zwischen Tradition und Moderne, potenzieller Hit-Melodie und Elektro-Frickel-­Vergnügen. Traurige Trennungs­lieder kommen natürlich auch vor, insbesondere das balladeske «What Have We Done» fällt in diese Kategorie, auch «The View From Here». «Einige Songs handeln davon, innezuhalten und Zwischenbilanz zu ziehen», sagt McCluskey. «Man sollte meinen, dass wir erwachsen genug sind, um aus Fehlern zu lernen und ­gestärkt aus Krisen hervorzu­gehen.»

Das ist OMD nicht nur nach privaten Tiefschlägen immer wieder gelungen. Auch die Geschichte der Band ist keineswegs frei von Dramen. Man begann als Synthie-New-Wave-Band mit eher sperrigen Kompositionen, erreichte 1981 mit dem dritten ­Album «Architecture & Morality» und Hits wie «Maid Of Orleans» einen künstlerischen wie kommerziellen Höhepunkt. Danach jedoch legte Orchestral Manœuvres in the Dark das anfangs verkannte, heute verehrte Album «Dazzle Ships» vor, das dem zwischenzeitlichen Teen-Idol-Image von Andy und Paul den Garaus ­machte – und zwar «sehr zu unserem Vergnügen, wir wollten einfach keine Pop-Kids sein», sagt Paul Humphreys. Mitte der Achtziger war die Band vor allem in den USA sehr erfolgreich mit Mainstream-Pop («If You Leave», «So In Love»). Der wieder kommerziellere Kurs führte zu vor­übergehend unüberbrückbaren Differenzen. 1998 verliess Humphreys OMD, McCluskey machte weiter und hatte Erfolg mit ­«Sailing On The Seven Seas», doch die Magie fehlte.

2006 feierten sie Wieder­vereinigung, «The Punishment Of Luxury» ist erst das dritte ­Album seitdem. «Wir müssen niemandem mehr ausser uns etwas beweisen und leisten uns den Luxus, uns nicht mehr hetzen zu lassen», sagt Humphreys. «OMD ist für uns heute mehr ein Hobby als echte Arbeit.» Dennoch knien sich die beiden richtig rein. Neben eingängigen Stücken wie dem ­Titelsong probieren sie einiges aus, «selbst wenn es nach vierzig Jahren nicht so einfach ist, Sounds zu finden, die du so noch nicht verwendet hast. Ehrlicherweise müssen wir uns einge­stehen, dass neun von zehn Ideen nicht gut genug sind, um auf ein Album zu kommen.» Glücklicherweise gab es die restlichen zehn Prozent. Es gibt interessante, zunächst sperrig wirkende Sounds, etwa auf «Kiss Kiss Kiss Bang Bang Bang». Und «La Mitrailleuse» («Das Maschinengewehr») ist in seiner Klangkälte von Kraftwerk inspiriert. «Aber während bei ­ihnen Mensch und Maschine eins sind, arbeiten wir lieber den Kontrast zwischen beiden aus. Der Erste Weltkrieg war der erste wirkliche mechanische Krieg. Menschen wurden zu kleinen Mäusen angesichts der Mördermaschinen, gegen die sie kaum etwas ausrichten konnten. Wir lieben den Krieg nicht, aber wir sind fasziniert von ihm wie die Motte vom Licht.»

Der Brexit hat sie radikaler gemacht

Thematisch bewegen sie sich aber zuvorderst in der Jetztzeit. Wiederholt nehmen sich OMD unsere Überflussgesellschaft zur Brust. Andy McCluskey: «Wir sind Kinder der Arbeiterklasse. Wir wuchsen ohne Geld auf, und auch wenn wir heute wohlhabend sind, befürworten wir ein ordentlich von Steuergeldern finanziertes Gemeinwesen. Ohne staatlich subventionierte Musikschulen, Büchereien und Kunstgalerien hätte es OMD nie gegeben.»

Zudem haben die politischen Grossereignisse das Album mitgeprägt, das nach einem Gemälde in der Liverpooler Walker Art Gallery benannt ist. «Trump und vor allem der Brexit haben uns wütender und radikaler gemacht», sagt McCluskey. «Es reicht nicht, einfach nur weiterzukonsumieren, um Glücksgefühle zu bekommen. Noch will uns die ­Werbung weismachen, wir seien nicht liebenswert, wenn wir nicht dieses und jenes Produkt besässen. Aber dieser Mythos stirbt gerade. Junge Menschen begeistern sich endlich wieder für politische Konzepte. Dank Jeremy Corbyn, dem Vorsitzenden der Labour Party, ist die Wahlbeteiligung bei den 18- bis 25-Jährigen von 43 auf 67 Prozent gestiegen. Die Leute sind sauer und wachen auf.»

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