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SYNTHIE-POP: Der gehypte Ostschweizer Musiker Crimer liefert sein erstes Album - Und macht darauf das, was man von ihm kennt

Seit einem Jahr gilt Crimer als eine der meistgehypten Pop-Hoffnungen der Schweiz. Nun hat er endlich sein erstes Album veröffentlicht. Der 28-Jährige wirkt dabei seltsam aus der Zeit gefallen.
Michael Graber
Viel Vorschusslorbeeren für den Ostschweizer Alexander Frei alias Crimer. (Bild: ENNIO LEANZA (KEYSTONE))

Viel Vorschusslorbeeren für den Ostschweizer Alexander Frei alias Crimer. (Bild: ENNIO LEANZA (KEYSTONE))

Michael Graber

Natürlich muss man über die Sache mit den Haaren reden. Crimer, immerhin der «Mittelscheitel der Nation» («20 Minuten»), trägt nun dynamisch verwuscheltes Haupthaar in maximal mittlerer Länge. Es sei eine Notlösung ­gewesen, sagt Alexander Frei, wie Crimer bürgerlich heisst, in einem Zürcher Restaurant. Sein erster Video-Clip zu «Hours» habe ihm derart nicht gepasst, dass eine zündende Idee hermusste. Und da die Zeit eilte und die Ideen rar waren, musste halt der Mittelscheitel dranglauben – statt wie im ersten Clip (der wohl leider unveröffentlicht bleibt) mit Motorsägen zu hantieren, greift Crimer jetzt zum Rasierer.

Die Haare sind aber auch das Einzige, was sich bei Crimer wirklich verändert hat. Ansonsten macht der Ostschweizer auf seinem Débutalbum «Leave Me Baby» einfach mehr von dem, was man schon von ihm kennt. Es ist immer noch das, was einst als «Batman» begann (wegen drohendem Rechtsstreit mit DC-­Comics wurde später «Crimer» draus), über die EP «Preach» 2017 zu einigem Ruhm führte und soeben mit einem Swiss ­Music Award als «Best Breaking Act» gekrönt wurde. Es ist synthie­durchtränkter 80er-Pop, «bei dem immer etwas Melancholie mitweht», wie Crimer selber sagt.

«Authentizität ist wichtig»

Auch wenn Crimer 28 Jahre alt ist und die 1980er-Jahre nur aus ­Erzählungen kennt, lebt er, was er macht. Zum Treffen erscheint er in Mantel, Rollkragenpullover und drüber einem Hemd, das an manch anderem Mann schrecklich aussehen würde. Crimer wirkt – nicht nur in dieser hippen Bar – seltsam aus der Zeit gefallen, und würde er nicht seine Sätze ständig mit allerlei englischen Be­griffen würzen, wie es gerade aus höchst unerklärlichen Gründen so angesagt ist, dann könnte dieses Treffen tatsächlich auch 1985 stattgefunden haben. «Authentizität ist wichtig», sagt Crimer. Es sei keine Verkleidung und schon gar keine Masche, es sei einfach er. Er lebt, was er macht. Ihm gefallen diese knalligen Synthies, die dumpfen Bässe und die wabernde Schwermut. Es erinnert an Depeche Mode oder Hurts. Musik von gestern, die aber nie ganz aus der Mode gekommen ist.

Die eigentliche Erfolgsformel von Crimer ist aber Crimer selber. Wer einmal ein Konzert oder ein Videoclip von ihm gesehen hat, kann seine Musik nicht hören, ohne Crimer vor seinen inneren Augen tanzen zu sehen. Er wirft sich hin und her, schüttelt sich, zappelt und zuckt. Es ist eine ungeheure Energie und interessanterweise wirkt es nie peinlich, sondern im Gegenteil: Es steckt an. Man schüttelt sich, zappelt und zuckt autmatisch mit. Von den zwölf Songs, die jetzt auf «Leave Me Baby» versammelt sind, waren elf bereits vor über einem Jahr fertig, wie Crimer zugibt. Trotzdem habe er sich entschieden, eine EP mit vier Songs zu veröffentlichen, auch um «mal zu testen», ob das überhaupt funktioniert. Es funktionierte. Und Crimer, der neben seiner Musik in einer Werbeagentur arbeitet, zappelte seit einem Jahr auf fast jeder mittleren Bühne der Schweiz.

Einen sanften Versuch, in Deutschland Fuss zu fassen, gab es auch schon – «ein Konzert wurde aber sogar abgesagt, weil im Vorverkauf gerade einmal ein Ticket verkauft wurde». Crimer nimmt solche Dinge locker. Es ist ihm ernst mit seiner Musik, aber ohne zu grosse Ernsthaftigkeit – er ist ambitioniert ohne Verbissenheit. Vieles, was Crimer tut, wirkt in sich logisch und wie eine stetige Evolution. Vom kurligen Alleinunterhalter zum Shootingstar mit Porträt in der «Schweizer Illus­trierten», mit vielen Zwischenschritten.

Jetzt mit Band unterwegs

Auch die neuste Evolution ist da irgendwie logisch: Bislang war Crimer jeweils solo unterwegs, mittlerweile begleiten ihn zwei Musiker. «Das hat den Nachteil, dass ich keine Pausen mehr habe», sagt er. Bisher habe er immer mal wieder mit Tanzen aufhören müssen, einfach weil er ans Mikrofon oder an die Gitarre musste. «Bei der ersten Show mit Band war ich nach zwei Songs komplett erledigt», sagt Crimer. Entweder müsse er sportlicher werden oder seine Energie besser einteilen, meint er und lacht. Man kann sich Crimer schlecht joggend vorstellen. Aber bis vor kurzem hätte man ihn sich auch nicht ohne Mittelscheitel vorstellen können.

Crimer: Leave Me Baby (Musik­vertrieb). Live: • 3. März: Eisenwerk, Frauenfeld • 10. März: Winterfestival Wolhusen • 16. März: Fabriggli, Buchs • 23. März: Schüür, Luzern • 30. März: Palace, St. Gallen

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