Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Sympathie für Nacktwanderer

Kritik zur Tierhaltung, eine Hommage an nackte Wanderer und ein Flankengott, der schon bald im Stadion des FC St. Gallen zur Hymne werden könnte. Das St. Galler Mundart-Trio Chatzegold beschreibt poetisch, ironisch und hemdsärmlig den Alltag.
Philipp Bürkler
Die Männer mit den goldenen Krawatten: Chatzegold sind Sänger Marcel Höhener (links), der sich als Künstler Cello Folini nennt, sowie Schlagzeuger Markus Eberle und Gitarrist Beat Keller. (Bild: Philipp Bürkler)

Die Männer mit den goldenen Krawatten: Chatzegold sind Sänger Marcel Höhener (links), der sich als Künstler Cello Folini nennt, sowie Schlagzeuger Markus Eberle und Gitarrist Beat Keller. (Bild: Philipp Bürkler)

Es ist Freitagnachmittag in einem Aufnahmestudio in Winterthur. Während es draussen Katzen regnet, nehmen drinnen zwei der drei Chatzegold-Musiker ihre neusten Songs auf. Jede Spur, also jedes Instrument, wird einzeln aufgenommen, weshalb nicht die gesamte Band gleichzeitig anwesend sein muss. Immer wieder werden einzelne Passagen angehört, über mögliche Verbesserungen diskutiert und Sequenzen nochmals neu aufgenommen oder verworfen. Die fertigen ­Stücke kommen auf das Album «Heiss ufem Mart», das noch in diesem Jahr «auf den Markt» kommen soll. Marcel Höhener ist Kopf der Band, die er 2015 gründete. Aus dem anfänglichen Soloprojekt wurde schnell ein Trio. Höhener brachte Schlagzeuger Markus Eberle in die Band, dieser wiederum holte den Gitarristen Beat Keller dazu. Dann ging alles schnell: Bereits eine Woche nachdem er Beat Keller kennen gelernt hatte, stand die Band im Studio und nahm erste Songs für das Minialbum «Chunnt guet» auf. Kurze Zeit später, 2016, folgten die ersten Konzerte. «Bis kurz vor dem ersten Konzert hatten wir noch nicht einmal einen Namen für die Band.»

Hackbrettspieler wollte nicht mitmachen

Obwohl der 38-Jährige in seinen Texten persönliche Alltagser­lebnisse oder Beobachtungen ­beschreibt, entscheide nicht er alleine. Am Ende müssten alle Bandmitglieder mit dem Ergebnis zufrieden sein. Wichtige Inputs, musikalisch wie textlich, erhält der Chatzegold-Sänger von seinem Gitarristen, dem Berufsmusiker Beat Keller. «Es ist für mich ein spannender Lebensabschnitt, mit Profimusikern zusammenzuarbeiten», freut sich Höhener, der ebenfalls seit seiner Kindheit Musik macht.

Mit acht Jahren hat er begonnen, Handorgelunterricht bei ­seinem Grossvater zu nehmen. Nach dessen Tod besuchte er noch zwei Jahre den Unterricht beim ehemaligen Handorgelweltmeister Kurt Heusser. Als Pubertierender wurde das traditionelle Orgelspiel verständlicherweise uninteressant. Höhener tauschte die Orgel gegen eine Bassgitarre, deren Spiel er sich selber beibrachte. Fortan verstand er sich als Rockmusiker. «Die Songs für das kommende Album habe ich innerhalb der vergangenen drei Jahre geschrieben.» Die Songs thematisieren Alltagssituationen, wie sich in Geduld üben, oder sich darüber aufregen, wenn sich jemand fürs Bestellen zur Mittagszeit im Restaurant ewig Zeit lässt. Einer der Songs huldigt die Nacktwander-Kultur im Appenzellerland. Die Idee zum Song fiel ihm während einer Wanderung auf dem Hohen Kasten ein. «Es war im Hochsommer, heiss und es juckte mich gewaltig zwischen den Beinen, ich hätte am liebsten alle Kleider ausgezogen», erklärt der Songschreiber. Für «Nacktwandere» sollte Jonny Fuchs Hackbrettspieler als Gastmusiker verpflichten. Der bekannte Appenzeller Hackbrettschreiner habe das Angebot jedoch abgelehnt, weil er «nicht besonders Gefallen an den Nacktwanderern findet», so Höhener. «Ich dachte mir, warum sehen das Thema alle so eng?» Er selber sei zwar kein Nacktwanderer, aber der Song zeige sich sehr solidarisch mit den blutten Naturfreunden und sei aus ihrer Sicht erzählt. Am Ende ist trotzdem noch alles gut gekommen, und auf dem Stück ist doch ein Hackbrett zu hören. Eingesprungen ist der St. Galler Hackbrettspieler Jean Luc Georgy.

Musik als Ausdrucksform von Aktivismus

Die Melodie zum Nacktwanderer sei ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Genau das zeichne eine gute Idee aus. Früher habe er jede Idee gleich aufgenommen oder aufgeschrieben. «Da ich ein Chaot bin, konnte ich anschliessend jedoch meine Notizen nicht mehr finden.» Daraus habe er gelernt, eine Idee sei nur dann nachhaltig, wenn sie im Kopf bleibe. «Hätte ich den Nacktwanderer am nächsten Tag vergessen, gäbe es den Song heute wohl nicht.»

Um die Zustände der Massentierhaltung geht es im Spider-Murphy-Gang-Cover «Schickeria». Unterschwellig kritisiert der Song die in der ganzen Schweiz aufpoppende Chickeria-Kette, in der grillierte Poulets verkauft werden. «Ich bin gegen die Industrialisierung von Tieren. Wer gibt uns das Recht, 17 Hühner auf einem Quadratmeter zu halten?», fragt Höhener. Es bringe nichts, sich über den aktuellen Zustand der Welt zu beschweren, die einzige Möglichkeit sei Aktivismus. «Man kann sich in einer Organisation engagieren, in die Politik gehen oder Kunst machen.»

Flankengott als künftige Hymne des FC St. Gallen?

Höheners Songzeilen und Melodien haben Ohrwurm-Potenzial. Auch für Fussballfans. Mit dem Song «Flankengott» hat er seine Liebe zum Fussball gewürdigt. Er ist eine Huldigung an jenen Spieler, der zwar selten ein Goal schiesst, aber dafür sorgt, dass überhaupt ein Treffer ins Tor gelangen kann. «Obwohl der Name FC St. Gallen als auch die Farben Grün und Weiss in den Songzeilen gar nicht vorkommen, wäre er ideal für die Stimmung im Stadion.» Mangel an Selbstvertrauen kennt er nicht. Höhener hat bereits einen Plan, wie der Song im Stadion während der Spiele durch die Lautsprecher abgespielt werden soll und so in die Ohren der Fans dringt. FC-St. Gallen-Präsident Matthias Hüppi habe kürzlich in einem Interview erwähnt, er habe für alle ein offenes Ohr. «Da nehme ich ihn beim Wort. Ich werde ihm die Aufnahme vom ‹Flankengott› in seinem Büro persönlich vorbeibringen.»

Hinweis

Konzert, 24.5. Baracca Bar, St. Gallen. chatzegold.com

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.