Swiss Alps Classics
Das Klassikfestival emanzipiert sich von Samih Sawiris Spielwiese

Die Swiss Alps Classics in Andermatt feiern Jubiläum. Mit Unternehmer Samih Sawiris hat das Klassikfestival (fast) nichts zu tun.

Christian Berzins
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Im Konzertsaal des Hotels Radisson Blu in Andermatt finden auch Konzerte der «Swiss Alps Classics» statt

Im Konzertsaal des Hotels Radisson Blu in Andermatt finden auch Konzerte der «Swiss Alps Classics» statt

Nadia Schärli

Als Samih Sawiris Ideen eines neuen Andermatt Form annahmen und der ägyptische Unternehmer auch noch einen Konzertsaal bauen liess, staunte man – und lächelte verlegen: Ein Konzertsaal im Ski- und Militärdorf? Als zur Eröffnung die Berliner Philharmoniker anreisten, wurde das Lächeln zum Staunen. Die Namen der Gaststars waren illuster. Bald, so wird in Andermatt erzählt, soll im Konzertsaal auch Sawiris selbst auftreten: Er übe wie versessen am Klavier.

Peter Michael Reichel ist der Gründer der «Swiss Alps Classics».

Peter Michael Reichel ist der Gründer der «Swiss Alps Classics».

ho

Sawiris war nicht allein, der im Konzertsaal auftreten wollte, beziehungsweise Konzerte organisieren liess, sondern da war auch Peter Michael Reichel: ein 68-jähriger Österreicher, der Geld im Tenniszirkus verdient. Er startete 2017 mit einem kleinen Klassikfestival in Andermatt, als der Saal noch gar nicht stand. 2018 musste das Festival immer noch ohne auskommen. Egal, auch den Coronasommer 2020 überstand man, spielte an drei Abenden, derweil Sawiris seiner Konzertsaison «Andermatt Music» den Stecker gezogen hatte. Mit dem 69-jährigen Clemens Hellsberg hat Reichel einen gut vernetzten künstlerischen Leiter aus Wien, einen ehemaligen Wiener Philharmoniker. Er hat zahlreiche Kontakte in die weite Musikwelt, etwas weniger in die Schweiz.

Fünf Festivaljahre sind gar nichts im Vergleich

Hellsberg betont, dass beim Festival nicht «nur» die Musik im Mittelpunkt stehe, sondern es habe auch die Schönheit der Region um den St. Gotthard zum Gegenstand: «Die Nähe zur Natur schafft eine Nähe zwischen Mitwirkenden und Publikum, die bisher von beiden Seiten bewusst genossen wurde.»

2010 legte Samih Sawiris dien Grundstein für das Hotel «The Chedi» in Andermatt.

2010 legte Samih Sawiris dien Grundstein für das Hotel «The Chedi» in Andermatt.

Pius Amrein / Neue Luzerner Zeitung

Doch genau das können naturgemäss die anderen Schweizer Alpenfestivals auch bieten, fast alle schon Jahrzehnte lang. Und so stehen die Swiss Alps Classics denn in Konkurrenz mit vielen Veranstaltern, angefangen von Boswil bis Verbier. Und kann man sich da unterscheiden, abheben? Droht nicht gar Konkurrenz aus dem eigenen Dorf, von Sawiris und vom Gotthard-Klassikfestival, das mittlerweile im Herbst stattfindet? Es ist tatsächlich nicht leicht zu verstehen, dass während der Swiss-Alps-Classics-Tage auch Sawiris Andermatt Music einen Abend im Konzertsaal durchführt.

Auf die Konkurrenz angesprochen, verneint Hellsberg jeden Streit zwischen den künstlerischen Institutionen und bekennt sich zum Credo, dass Opern- und Konzerthäuser, Orchester und Museen nicht nur für sich, sondern für die gesamte Kulturszene Verantwortung tragen: «Ich sehe deshalb in Mitbewerbern eine Stärkung des Namens.»

Gibt es bald Andermatter Konzerte im KKL?

War das Festival dank des Konzertsaals entstanden, dehnte man sich alsbald aus, wurde zum Gotthard-, ja zum Vierwaldstättersee-Festival. 2021 streckt man die Fühler nach Disentis aus. Da drängt sich die Frage auf, ob nicht auch das KKL ein Ziel ist. Und Hellsberg schwärmt von Luzern. Er kann nicht verleugnen, dass es ein Traum ist, im KKL aufzutreten, gibt aber den Ball an Peter Michael Reichel weiter. Dieser wiederum liebäugelte schon 2020 mit dem KKL. Es wäre ein Coup gewesen: das Lucerne Festival wegen Corona abgesagt, stattdessen das Swiss Alps Classics im KKL. Es kam anders als gedacht. Gemach.

Der ehemalige Wiener Philharmoniker Clemens Hellsberg ist der künstlerische Leiter der «Swiss Alps Classics».

Der ehemalige Wiener Philharmoniker Clemens Hellsberg ist der künstlerische Leiter der «Swiss Alps Classics».

ho

Der grosse Konzertsaal mit 650 Plätzen füllt sich beim Festival nur schwer, Veranstaltungen anderswo sind bisweilen für 100 Leute. Ob es daran liegt, dass in Andermatt eher ein unterhaltungsfreudiges Sport- denn ein Kulturpublikum zu Hause und zu Gast ist? Obwohl unterhaltende Elemente ins Programm einfliessen, will Hellsberg darauf nicht Rücksicht nehmen. Er zitiert Wagners «Meistersinger von Nürnberg», wo es heisst: «Der Kunst droht allweil Fall und Schmach, läuft sie der Gunst des Volkes nach». Und sagt dann: «Ich glaube daran, dass wir verpflichtet sind, das Publikum zu fordern. Daher bin ich auch voller Zuversicht, dass die Sportregion Andermatt einmal zu einer Sport- und Kunstregion wird.»

Swiss Alps Classics: 2. bis 5. Juni. Mit Pianistin Maria Radutu, Sopranistin Marisol Montalvo, einem geistlichen Konzert mit Dirigent Emmanuel Tjeknavorian und einem Abend der Lang Lang Foundation.